Geburtstag : Von der Kunst, die Welt nicht zu verstehen

Wahrheitsforscherin mit Widerspruchsgeist: der Schauspielerin Hannelore Hoger zum 70. Geburtstag

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Sie läuft durch Deutschland und staunt. Sie kann die Welt nicht verstehen, sie fragt und fragt, ungläubig, neugierig, sie besorgt sich entsprechendes Werkzeug. Sie treibt einen Stollen tief hinein in die deutsche Geschichte, sie buddelt und gräbt unermüdlich.

Eine Frau, allein im Schnee, das ist Hannelore Hoger bei Alexander Kluge gewesen, damals in „Deutschland im Herbst“. Bald darauf, in „Die Patriotin“ von 1979, ist sie die Lehrerin Gabi Teichert, die nach Bomben forscht und den Spuren des Krieges, nach der SPD, nach Körpern und der Wahrheit in Grimmes Märchen. Das Knie eines in Stalingrad gefallenen Obergefreiten wird ihr Rede und Antwort stehen.

Hannelore Hoger. Rötliches Haar, ebenmäßiges Gesicht, große Augen, kleine Statur, gewitztes Naturell. In den frühen Kluge-Filmen – ihr Kinodebüt gab sie 1968 als Trapezkünstlerin und Zirkusreformerin Leni Peickert in „Artisten in der Zirkuskuppel, ratlos“ – verkörpert sie das Irritiertsein an Deutschland, an der eigenen Identität. Eine fundamentale Irritation, aber eine, die die Selbstironie nicht scheut. So lernten die Zuschauer die Schauspielerin kennen, die am heutigen Sonnabend ihren 70. Geburtstag feiert. Das heißt, vielleicht ist es auch der 69., Hoger mag Fragen nach dem Alter nicht, sie fragt dann postwendend zurück oder sagt: Ich bin so alt, wie ich aussehe.

Fest steht, dass sie in Hamburg-Altona lebt und in Berlin gerade für eine neue Folge von „Bella Block“ vor der Kamera steht. Block und Hoger sind seit 1993 ein TV-Erfolgsgespann; die ruppige Fernsehkommissarin mit ihrer direkten Art gilt längst als Paraderolle der Schauspielerin, am 3. Oktober feiert die 30. Folge auf dem Filmfest Hamburg Premiere. Sichere Quoten, Grimme-Preis: „Bella Block“ löste die Kommissarinnen-Welle im ZDF aus, weshalb man Hannelore Hoger getrost zur Königinmutter all der beliebten TV-Ermittlerinnen krönen kann. Auch wenn sie das wohl eher nicht mag, weil es wieder nach Alter klingt.

Gabi Teichert, Bella Block: Hogers wichtigste Figuren sind Fahnderinnen, Frauen, die dem Augenschein misstrauen. Das leicht Mürrische, Begriffsstutzige, die Lust am Widerspruch, da ist sie ähnlich wie Peter Falks Kommissar Columbo. Man unterschätzt solche Leute, eben daraus entwickeln sie ihre Stärke. Auch im wirklichen Leben: Wenn Hannelore Hoger zu Interviews mit Fahrrad und Einkaufstasche kommt, wenn sie mit Handtasche in der Armbeuge den Raum betritt – Vorsicht, sie hat es faustdick hinter den Ohren.

Sie beherrscht die Kunst der Bloßstellung, aber sie bringt auch den Mut auf, sich Blößen zu geben. Die Kombination von Bärbeißigkeit und Sensibilität, von traditionell femininen Attributen und leider auch 2011 noch revolutionär klingenden Ansichten – das ist Hogers Beitrag zur Frauenbewegung. Ledig, eine Tochter (auch Nina Hoger ist Schauspielerin), sagt sie in Interviews Sätze wie: „Frauen müssen einen Beruf haben“, „Mein Weg war steinig“ oder, wenn es um Gott geht: „Ich glaube an die Liebe und hoffe immer noch, dass die Vernunft sich durchsetzt. Und an mich glaube ich auch.“ Das muss reichen.

Der steinige Weg. Als Kind stand sie im Hamburger Ohnsorg-Theater auf der Bühne, der Vater war dort Inspizient. Nach der Schauspielausbildung und ihrem ersten Engagement durch Kurt Hübner 1961 in Ulm absolvierte sie die Ochsentour, spielte in Bochum, Bremen und Berlin, in Stuttgart, Hamburg, Köln und Düsseldorf, arbeitete mit Wilfried Minks, dem argentinischen Regisseur Augusto Fernandez und vor allem mit Peter Zadek, als Lämmchen in „Kleiner Mann, was nun“ oder als Narr im „King Lear“.

Zadek und Hoger, eine explosive Bühnenliaison, sie stritten sich, redeten 20 Jahre nicht miteinander, um 2005 am Wiener Burgtheater für Strindbergs „Totentanz“ wieder zusammenzuarbeiten. Zadeks Tod traf sie tief. Inzwischen hat sie selbst oft Regie geführt, hat Brecht, Kroetz und Thomas Bernhard inszeniert, ihr liegt das Proletarische, intelligentes Theater mit Bodenhaftung.

Im Kino sah man Hannelore Hoger seit Kluges Zeiten nur selten, als ewige Tochter in Reitz’ „Zweiter Heimat“ zum Beispiel oder in „Die Bertinis“. In Dietls „Rossini“ brillierte sie als Komikerin (wie in etlichen dctp-Miniaturen von Kluge), in „Henri 4“ trat sie als Katharina de Medici auf. Dabei könnte sie die deutsche Hellen Mirren sein oder die deutsche Jeanne Moreau. Die raue Stimme hat sie dazu, auch das Format, das Unverwechselbare, die spröde Unbeirrbarkeit, die immer auch den Glamour durchschimmern lässt. Dazu kann man Hannelore Hoger nur beglückwünschen – ob sie nun heute Geburtstag hat oder nicht.

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