Kultur : Gedenken an Detlev Rohwedder: Sein Mut tat gut

Richard Schröder

Diesem und jenem habe ich in der letzten Zeit erzählt, dass ich zur zehnjährigen Wiederkehr des Mordes an Detlev Karsten Rohwedder ihn selbst und die Arbeit der Treuhandanstalt würdigen werde. Die Reaktion war sehr oft: bedenkliche Gesichter. Die einen haben gesagt: Gegen den schlechten Ruf der Treuhand können Sie bei den Betroffenen nichts ausrichten, da machen Sie sich nur unbeliebt. Andere haben zu erkennen gegeben, dass sie die Treuhand gar nicht einer Würdigung wert erachten, denn das sei doch eine höchst fragwürdige Veranstaltung gewesen.

Den schlechten Ruf der Treuhand kann ich nachvollziehen bei denen, die damals erleben mussten, wie der Betrieb, in dem doch ihre Lebensarbeit steckte, von einem Tag auf den anderen stillgelegt wurde. Sie hatten sich anderes von der deutschen Einheit erwartet. Überhaupt kein Verständnis habe ich dagegen für diejenigen, die es besser wissen konnten und dennoch von "platt machen" redeten, als hätte die Treuhand die DDR-Wirtschaft bewusst ruiniert.

Gnadenloses Mitleid

Die PDS hat 1999 eine Große Anfrage an die Bundesregierung gerichtet, die diese am 31. 1. 2000 mit der Drucksache 14/2622 beantwortet hat. Die PDS fragt: "Wie bewertet die Bundesregierung, dass aus dem von der DDR eingebrachten Gesamtvermögen, das von namhaften Ökonomen auf den Substanzwert von ca. 1365 Mrd. DM geschätzt wird, innerhalb weniger Jahre Treuhandtätigkeit ein angeblicher Schuldenberg von mehreren 100 Milliarden DM entstand?" Und weiter: "Wie beurteilt die Bundesregierung die Tatsache, dass in den ersten beiden Jahren der Veräußerung von Teilen der ehemaligen DDR-Volkswirtschaft durch die Treuhand von 1990 bis 1992 die Zahl der Vermögensmillionäre in den alten Bundesländern um fast 40 Prozent stieg?"

Da wird suggeriert, die DDR-Wirtschaft sei ein Schatz gewesen, den Westdeutsche mittels der Treuhand den Ostdeutschen geraubt hätten. Das ist mindestens gefährlicher Unsinn. Aber auch Rolf Hochhuth mit "Wessis in Weimar" und Günter Grass in "Mein Jahrhundert" haben sich am Feindbild Treuhand ausgetobt, und zwar noch nach der Ermordung von Detlev Rohwedder. Es ist die Haltung des abstrakten Moralismus, der Opfer dazu braucht oder besser missbraucht, um in der allzu geliebten Rolle des Anklägers über angebliche Täter herfallen zu können. Diese Haltung ist in Wahrheit unmoralisch. Ich nenne dies das gnadenlose Mitleid, eine Art von Verblendung, die gar kein echtes Mitleid ist, weil sie sich nicht wirklich um die Opfer kümmert.

Der Mord an Detlev Rohwedder ist bis heute nicht aufgeklärt. Aber jedenfalls war es ein politischer Mord, ein symbolischer Mord. Er galt nicht der Person, sondern dem Repräsentanten der Treuhand oder "des Systems" oder "des Kapitalismus". Ermordet aber wurde eine Person und zwar eine vollkommen unschuldige. Der Mord war als Fanal gedacht. Ausgelöst aber hat er bei den einen Entsetzen, bei den anderen Betretenheit: Nein, so haben wir unsere Kritik doch nicht gemeint.

Detlev Rohwedder ist das einzige Todesopfer auf dem Weg der deutschen Vereinigung. Diese wurde nur deshalb möglich, weil in der friedlichen Revolution in der DDR alle, wirklich alle Ostdeutschen den Grundsatz "Keine Gewalt" eisern befolgt haben. Jene Pseudorevolutionäre und unsere wirkliche Revolution, das waren zwei Welten. Das haben wir sehr bald gemerkt. Mitte 1990 wurde mir und den wichtigsten Vertretern der letzten DDR-Regierung anonym die "Hinrichtung" angedroht, weil wir die DDR dem Kapitalismus ausliefern und das Volk bewusst ins Unglück stürzen.

Die Geschichte der Treuhand muss hier noch einmal in Umrissen erinnert werden. Am 1. März 1990 gründete die Koalitionsregierung unter Ministerpräsident Heinz Modrow (PDS) die "Anstalt zur treuhänderischen Verwaltung des Volkseigentums", die formell Eigentümer des Volkseigentums der DDR wurde. Allerdings war diese Ur-Treuhand ihrer Aufgabe nicht gewachsen und zum Teil mit fragwürdigem Personal besetzt. Eine arbeitsfähige Treuhand entstand erst auf Grund des Gesetzes der frei gewählten Volkskammer vom 17. Juni 1990.

"Ein sozialistischer Trümmerhaufen"

Dass die Einführung der D-Mark in der DDR kaum 14 Tage später die DDR-Wirtschaft in größte Schwierigkeiten bringen würde, war vorauszusehen, es gab aber unabweisbare politische Gründe, auf dem Weg zur deutschen Einheit diesen Pflock schnell einzuschlagen. Einer der Gründe war die Losung der Leipziger Montagsdemonstranten: "Kommt die D-Mark nicht zu uns, gehen wir zur D-Mark." Der andere Grund war die Gefahr des Staatsbankrotts der DDR. Man lese das Geheimgutachten, das Planungschef Schürer und andere Egon Krenz am 31. 10. 1989 übergeben haben. Dort hieß es: "Allein ein Stoppen der Verschuldung würde im Jahre 1990 eine Senkung des Lebensstandards um 25 bis 30 Prozent erfordern und die DDR unregierbar machen." Das Gutachten ist ausschließlich von SED-Genossen erstellt worden, sage ich hier ausdrücklich in Richtung PDS.

Zum 2. Juli 1990 hätte es eigentlich für jeden Betrieb einer DM-Eröffnungsbilanz bedurft, sozusagen einer großen Inventur des Bestands der DDR-Wirtschaft. Tatsächlich aber lagen diese Eröffnungsbilanzen erst Mitte 1992 vor. Der Grund dafür lag darin, dass die vorliegenden Daten der sozialistischen Planwirtschaft völlig untauglich waren für eine realistische Bilanz. Die Treuhand musste also ihre Arbeit beginnen, ohne genau zu wissen, was sie da eigentlich besaß. Dasselbe Problem hatten wir auch bei der Eigentumsfrage. Niemand in der DRR konnte Auskunft geben über den wirklichen Umfang der Enteignungen. Auch daran ist der Grundsatz "Entschädigung vor Rückgabe" gescheitert.

Das war die Situation, in der Detlev Rohwedder kurz vor der Währungsunion zunächst den Posten des Verwaltungsratsvorsitzenden der Treuhand übernahm und bald darauf Treuhandchef wurde. In jener Zeit habe ich ihn persönlich kennengelernt.

Man musste wohl das Naturell und die Begabung von Rohwedder haben, um diese geradezu unmögliche Aufgabe zu übernehmen. Rohwedder hatte in neun Jahren als Staatssekretär im Wirtschaftsministerium (1969-78) auch Verhandlungen mit der DDR zu führen, war ständiger Besucher der Leipziger Messe und über die DDR-Wirtschaft bestens informiert. Er stammte übrigens aus Gotha in Thüringen. Obwohl er als ehemaliger Vorstandsvorsitzender der Hoesch-AG glänzend ausgesorgt hätte, übernahm er "den schwierigsten Job, den die deutsche Wirtschaft zu vergeben hat": die größte Industrie-Holding der Welt, die zugleich ein "sozialistischer Trümmerhaufen" war, wie Rohwedder zutreffend feststellte. Man kann nur schwer einen Eindruck vermitteln von den Aufgaben, vor denen er ab August 1990 stand.

Es war Rohwedders Absicht, die Privatisierung der DDR-Wirtschaft "nicht zu einer kalten kapitalistischen Veranstaltung" werden zu lassen. Wer bestreitet, dass dieses Ziel verfolgt wurde, muss sich mit der Tatsache auseinander setzen, dass es Rohwedder gelungen ist, sich mit den Gewerkschaften zu verständigen und dass enorme Mittel in Sozialplanleistungen geflossen sind. Andere ehemals sozialistische Länder sind da ganz anders gebeutelt worden.

Als einer, der im Jahre 1990 einiges mitbekommen hat von der verzweifelten Situation der DDR-Wirtschaft, muss ich sagen: es schmerzt mich, dass die deutsche Öffentlichkeit noch immer nicht bereit ist, zu würdigen, mit welchem Kräfteeinsatz und welchem Einsatz an Geld aus der ruinierten DDR-Wirtschaft doch noch gerettet worden ist, was gerettet werden konnte. Die Treuhand hat das Produktivvermögen nicht etwa meistbietend versteigert, sondern Einzelverträge abgeschlossen, bei der die Käufer Garantien geben mussten für ihre Investitionen und für eine Mindestzahl an Arbeitsplätzen. Und sie hat industrielle Kerne erhalten, obwohl die westliche Industrie auch ohne diese Standorte den gesamtdeutschen Bedarf spielend hätte befriedigen können.

Wartburg gegen Westwagen

Es stimmt nicht, dass sich die Westdeutschen an der Privatisierung bereichert hätten. Einigungsgewinne der westlichen Wirtschaft sind auf ganz anderem Wege zustande gekommen. Wir alle wollten doch plötzlich nur noch Westwaren, teils aus gutem Grund, teils aber auch in absurder Weise. Es hat doch sogar einige Zeit gebraucht, bis wir wieder Milch und Brot und Gemüse aus dem Osten gekauft haben. Wer heute behauptet, es hätte viel bessere Lösungen für das Problem gegeben, hätte sich mal vor 11 Jahren melden sollen. Weiter östlich gilt die Arbeit der Treuhand als Erfolgsmodell, und dort wird bedauert, dass sie nicht nachgemacht werden kann.

Ich hatte zu DDR-Zeiten einen Wartburg. Anfang 1989 hätte ich ihn noch für ein Jahresgehalt verkaufen können. 1991 habe ich ihn nicht einmal mehr verschenken können. Er wurde verschrottet. Zurück blieb ein veritables Ersatzteillager, eben noch ein großer Schatz ("Substanzwert" würde das die PDS nennen), jetzt nur noch Staubfänger. Wenn ich mich daran erinnere, was ich mit diesem Wartburg im Guten wie im Schlechten alles erlebt habe, wie ich an diesem Auto zum mittleren Automechaniker geworden bin, der den Inhalt des Motorraums genauso gut kannte wie den Inhalt des Kofferraums, beschleicht mich noch heute Wehmut.

Der Wartburg hatte für mich einen erheblichen Gemütswert, aber nach 1990 plötzlich keinen Verkaufswert mehr. Und der Gebrauchswert ließ wegen seiner Reparaturanfälligkeit auch zu wünschen übrig. Also tat ich, was fast alle meine Mitbürger taten: Ich kaufte einen Westwagen. Und indem wir uns alle so verhielten, haben wir das Wartburgwerk und das Trabantwerk in den Ruin getrieben. So einfach und so hart ist das.

Es ist nun auch ein Dank an die Ostdeutschen am Platze. Die ungeheure Umstellungsleistung muss gewürdigt werden, auch die Einsicht ins Unvermeidliche, die viele Belegschaften und Betriebsräte bewiesen haben. Und der Mut derjenigen, die den Sprung in die Selbstständigkeit wagten. Zuletzt aber haben wir demjenigen zu danken, dessen 10. Todestag uns hier zusammenführt, und der den Mut hatte, trotz aller vorherzusehenden Anfeindungen die schwierigste Aufgabe der deutschen Einigung in die Hand zu nehmen. Wir dürfen seine Leistung und sein Opfer nicht vergessen.

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