Gedenken an die Novemberpogrome : Nacht der Angst

„Es brennt!“: Eine Ausstellung erinnert mit emotionaler Wucht an den Terror der Novemberpogrome vor 75 Jahren.

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Untergegangen. Die Synagoge in der Berliner Fasanenstraße, 1916. Sie brannte in der Pogromnacht aus. Das Portal wurde ins heutige Jüdische Gemeindehaus integriert. Foto: Katalog
Untergegangen. Die Synagoge in der Berliner Fasanenstraße, 1916. Sie brannte in der Pogromnacht aus. Das Portal wurde ins heutige...

„Es war eine schreckliche Nacht.“ Nechama Drober, eine kleine Frau in blauer Strickweste, steht vor einem Kamerateam und erzählt, wie sie diese Nacht erlebt hat, die nun bald 75 Jahre zurückliegt. Mit ihren Eltern sah sie durch ein Fenster ihrer Wohnung die Synagoge von Königsberg brennen. Sie hörte Kinder schreien, als SA-Männer in das neben der Synagoge gelegene Jüdische Waisenheim eindrangen und die Bewohner auf die Straße trieben. Dann kamen SA-Männer und Polizisten auch zu ihnen und nahmen den Vater – Drober sagt „Papa“ – mit. Damals war sie elf. Heute ist Nechama Drober 86. Ihr Deutsch klingt ein wenig altmodisch, man hört den ostpreußischen Akzent. Aber ihre Erinnerungen an die Nacht des 9. November 1938 sind präzis. Was sie damals gefühlt habe, fragt die Reporterin. „Schreckliche Angst.“

Drober, die über ihr „Leben zwischen Königsberg und Israel“ das Buch „Ich heiße jetzt Nechama“ geschrieben hat, ist zur Eröffnung der Ausstellung „Es brennt!“ aus Israel nach Berlin gekommen. Die gemeinsam mit der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas und dem Centrum Judaicum gestaltete Ausstellung füllt nur einen Raum im Glasbetonbau der Topographie des Terrors. Doch die emotionale Wucht, die sie entfaltet, ist umso größer.

Im Zentrum stehen neun große, im Halbkreis angeordnete Stelen, die leicht schräg im Boden zu versinken scheinen. Der Aufbau erinnert an einen Friedhof. Geschildert wird die Geschichte der Novemberpogrome als Stationsdrama. Es beginnt bereits im Sommer 1938 mit Fotos von antisemitischen Schmierereien auf den Schaufenstern jüdischer Berliner Geschäfte und endet Anfang 1940 mit dem Auftakt zum Völkermord im von der Wehrmacht eroberten Polen, für den ein Bild von der Sprengung der Großen Synagoge von Lodz steht. Überall im Deutschen Reich wurden am 9. November 1938 Synagogen angezündet, Kaufhäuser geplündert, Juden misshandelt und in Konzentrationslager verschleppt.

Die Nationalsozialisten bemühten sich, die Ausschreitungen als Reaktion des „Volkszorns“ auf die Ermordung des deutschen Diplomaten Ernst vom Rath durch den staatenlosen Attentäter Herschel Grünspan in Paris darzustellen. In Wirklichkeit – das zeigt die Ausstellung sehr anschaulich – war es eine staatlich gelenkte, minutiös geplante Terrorwelle. Veranlasst wurde sie vom Propagandaminister Joseph Goebbels, der nur auf einen Anlass gewartet hatte, um die Drangsalierung und Entrechtung der Juden weiter verschärfen zu können.

In Kassel kam es bereits am 7. November – da lebte der angeschossene Diplomat Rath noch – zu einer Art Generalprobe. In Zivil gekleidete Männer besetzten die Hauptsynagoge, verbrannten Thorarollen und Einrichtungsgegenstände. Gleichzeitig wurden jüdische Schulen, Geschäfte und das Gemeindezentrum verwüstet. Die Gewalt ging wahrscheinlich von der örtlichen Gestapo-Zentrale aus. Der Terror fand vor aller Augen statt, und es gab niemanden, der dagegen einschritt. Einen Tag später sollte sich dies alles in ganz Deutschland wiederholen.

Im Deutschen Reich gab es 1938, die Schätzungen schwanken, etwa 1200 bis 1400 jüdische Synagogen und Gebetsräume. 26 von ihnen stellt die Ausstellung vor. Zu sehen ist eine beeindruckende architektonische Vielfalt. Sie reicht von der prachtvollen Neuen Synagoge von Breslau, die 1866 im neoromanischen Zeitgeist des Wilhelminismus errichtet worden war, über den bayerischen Zwiebelturmbarock der Synagoge von Gunzenhausen bis zum Bauhausstil des Hamburger Gotteshauses des liberalen jüdischen Tempelvereins von 1931.

Viele dieser Häuser brannten am 9. November 1938. Mit ihnen sollte zugleich die Erinnerung an eine jahrhundertelange jüdisch-deutsche Vergangenheit ausgelöscht werden. „Komm lieber Mai, mache von Juden uns jetzt frei“, ist auf einem Foto zu lesen, der den Bauzaun um die halb zerstörte Danziger Synagoge zeigt. Oft erkannten die „Volksgenossen“ in den Gotteshäusern aber auch Immobilien, die zu wertvoll waren, um sie einfach niederzubrennen. So wurde die Synagoge im bayerischen Ichenhausen zum Gerätehaus der Feuerwehr umgewandelt. Diese Nutzung blieb auch nach dem Krieg bestehen, sie endete erst vor wenigen Jahren. Aber es geschehen noch Zeichen und Wunder. In Königsberg, dem heutigen Kaliningrad, wird gerade originalgetreu die Synagoge wiederaufgebaut, die Nechama Drober vor 75 Jahren hat brennen sehen.

Topographie des Terrors, bis 2. März,

täglich 10–20 Uhr. Katalog 15 €

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