Kultur : Gedenken bedenken

Wolfgang Thierse will den Vorsitz der Holocaust-Stiftung niederlegen

Bernhard Schulz

Von „Erfolg“ beim Denkmal für die ermordeten Juden Europas zu sprechen, hat einen frivolen Beiklang; und doch ist der quantitative Erfolg des Mahnmals das Problem. Seit der Eröffnung am 10. Mai 2005 haben rund 3,5 Millionen Besucher das Stelenfeld durchwandert. Zugleich haben 540 000 Besucher den unterirdischen „Ort der Information“ aufgesucht – den Ort eines Finanzproblems.

Wolfgang Thierse (SPD), Bundestagsvizepräsident und bislang Vorsitzender des dreiköpfigen Vorstands der Denkmalstiftung, hat soeben gegenüber dem Tagesspiegel angekündigt, diesen Vorsitz niederzulegen, weil die Finanzierung der Stiftung nicht auf eine solide Grundlage gestellt werde. Thierse fühlt sich als Hüter des Bundestagsbeschlusses zur Errichtung des Mahnmals vom 25. Juni 1999. Im Stiftungsgesetz vom März 2000 war dem Bundestagspräsidenten – damals Thierse – qua Amt der Vorsitz im 24-köpfigen Kuratorium übertragen worden.

Bis zur jüngsten Bundestagswahl übte Thierse also beide Funktionen in Personalunion aus. Mit seinem angekündigten Rücktritt will er nun seinen Nachfolger als Bundestagspräsident, Norbert Lammert (CDU), drängen, gleichfalls beide Funktionen zu übernehmen und so, wie er im Gespräch sagte, „mit dem politischen Gewicht des Amtes zu versehen“.

Es geht aber vor allem ums Geld. Der Etat der Stiftung beträgt derzeit 2,1Millionen Euro. Aufgestellt wurde er im März 2005, also vor der Eröffnung des Mahnmals – und damit vor jeder Erfahrung mit den Erfordernissen dieser Einrichtung. Da ursprünglich von 300 000 Jahresbesuchern des Informationsortes ausgegangen worden war, eine Zahl, die mithin um gut zwei Drittel überschritten wird, haben sich die Aufwendungen für Besucherbetreuung, aber auch für die schlichte Einrichtungsunterhaltung entsprechend erhöht. Für das gegenwärtige Jahr 2006 mahnt Thierse einen Mehrbedarf von 213 000 Euro an. Für die Zukunft hält er einen Etat von 2,7 Millionen Euro für erforderlich – 28 Prozent mehr als bislang.

Dem liegt ein dieser Tage verfasstes „Betriebskonzept“ zugrunde, als Entwurf dem geldgebenden Bundeskulturstaatsminister (BKM) zugeleitet. An die inhaltliche Weiterentwicklung, die das Denkmal allein aufgrund seiner so überwältigenden Inanspruchnahme fordert, wird , so Thierses Vorwurf, beim BKM nicht gedacht. Er formuliert es drastisch: „Jetzt geht es darum, dass dieses so außerordentlich wichtige Denkmal nicht an den strikten Finanznöten verkümmert.“

Zwar soll die Stiftung keine eigenständige Forschungsarbeit leisten, sich aber aktiv betätigen: hinsichtlich der Besucherbetreuung, der Weiterentwicklung des „Ortes der Information“ und seiner „Namensräume“ und schließlich mit eigenen Veranstaltungen wie etwa Vortragsreihen. Dafür bleibt nach dem gegenwärtigen Etat kein müder Euro übrig.

In diesem Zusammenhang fällt die bislang ausgebliebene Vereinigung der vier Gedenkstätten unter dem Dach eines gemeinsamen Gedenkstättenverbundes ins Gewicht. Das betrifft neben dem Holocaust-Mahnmal und den noch ausstehenden Denkmalen zur Erinnerung an Sinti und Roma sowie an Homosexuelle als Orten der Opfer die „Topographie des Terrors“ und die Wannseevilla als Orte der Täter sowie die „Gedenkstätte Deutscher Widerstand“ im Bendlerblock. Den entsprechenden Gesetzesentwurf hatte die rot-grüne Koalition 2005 bereits auf der Agenda, als ihn der Beschluss zur Neuwahl des Bundestages mit dem Ende der Legislaturperiode zu Makulatur machte. Eine Neueinbringung seitens des BKM ist noch nicht erkennbar.

Da aber nunmehr Hermann Schäfer, der neue Stellvertreter des BKM und vormalige Direktor des „Hauses der Geschichte“ in Bonn, in den Vorstand der Mahnmalsstiftung einrückt, wird es zu einer erinnerungspolitischen Gesamtkonzeption kommen, wie sich bereits an den Äußerungen von Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) zur dauerhaften Installierung der gegenwärtigen Vertriebenen-Ausstellung im Deutschen Historischen Museum erkennen ließ.

Schäfer sagte im Gespräch mit dem Tagesspiegel zu Thierses Vorwürfen, die Finanzierung entspreche exakt den bisherigen Anforderungen der Stiftung, die allerdings in letzter Minute erhöht worden seien. Insbesondere lehnt Schäfer eine wissenschaftliche Forschungsarbeit der Stiftung „im engeren Sinne“ ab. Die Prioritätsreihenfolge sei „die Betreuung der Besuchergruppen, die Betreuung der Ausstellung, und erst dann kommt die Frage, wie viel Zeit frei bleibt, andere Dinge zu machen“. Problematisch seien insbesondere Sonderausstellungen. Hinsichtlich der Geschichtspolitik verweist Schäfer auf die drei Bereiche des Gedenkens an das NS-Regime, an das SED-Regime sowie an die Vertriebenen – drei Bereiche, zu denen er ein Gesamtkonzept erarbeiten werde, innerhalb dessen es zur Konzentration der Bereiche in sich, nicht aber aller drei insgesamt kommen solle.

Alles hängt mit allem zusammen – nur ist der Finanzbedarf des Mahnmals dringlich. In der kommenden Woche soll nach über einem Jahr das Kuratorium tagen, um über das Betriebskonzept zu befinden. Dann wird Lammert als Ex-officio-Vorsitzender Stellung nehmen müssen – und vielleicht den dann aufgegebenen Stiftungsvorsitz Thierses gleich mit. Und sollten die Verhandlungen mit dem BKM ums liebe Geld weiterhin stocken, wird sich der Bundestag seines eigenen, hehren Mahnmalsgesetzes erinnern müssen. Darin heißt es, die Stiftung trage „dazu bei, die Erinnerung an alle Opfer des Nationalsozialismus und ihre Würdigung in geeigneter Weise sicherzustellen“. Was in der Praxis heißt: mit ausreichendem Etat.

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