Gedenken in Russland : Sechs Tage Stalingrad

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An diesem Freitag jährt sich zum 70. Mal der Tag, an dem die Sowjetarmee die bei Stalingrad eingekesselten Truppen der Wehrmacht zu Kapitulationsverhandlungen zwang. Es war der Anfang vom Ende Hitlerdeutschlands. Den würdigt das postkommunistische Russland nun mit Initiativen der besonderen Art: In Wolgograd – dem ehemaligen Stalingrad –, in St. Petersburg und im ostsibirischen Tschita wollen die städtischen Nahverkehrsbetriebe Busse mit großformatigen Porträts des Diktators auf die Reise schicken. Vor allem aber: Wolgograd soll wieder Stalingrad heißen – an den geschichtsträchtigen Jahrestagen.

Dazu gehören neben dem Beginn der Kapitulationsverhandlungen auch der 9. Mai als Tag des Sieges, der 22. Juni, an dem sich Hitlers Überfall auf die Sowjetunion jährt, sowie der 2. September. Er gilt wegen der Kapitulation Japans als offizielles Ende des Zweiten Weltkrieges. Auch am 23. August, dem Jahrestag des Flächenbombardements, mit dem über 600 deutsche Kampfflugzeuge die Wolgastadt 1942 in Schutt und Asche legten, sowie am 19. Oktober – an eben diesem Tag holte die Sowjetunion 1942 zum Gegenschlag aus – wird Wolgograd wieder so heißen wie im Krieg. So jedenfalls hat es das Stadtparlament beschlossen. Damit habe man den Bitten von Kriegsveteranen entsprochen, sagte ein Abgeordneter.

Vielen ehemaligen Frontkämpfern und Russlands Kommunisten geht die zeitweilige Rückbenennung der Heldenstadt jedoch nicht weit genug. Sie plädieren für eine zeitlich uneingeschränkte Rückkehr zum alten Stadtnamen. Seit November sammelt die Kommunistische Partei daher landesweit Unterschriften für eine Petition zur Rückbenennung Wolgograds in Stalingrad. Stimmen dem Antrag mehr als 100 000 Wahlberechtigte zu, muss das Parlament darüber beraten. Das Vorhaben ist nicht ganz chancenlos. Russland hat sich von Stalin bisher nicht eindeutig distanziert.

Die Bürgerrechtsorganisation Memorial kritisiert, dass die Verbrechen unter Sowjetführer Josef Stalin von der russischen Gesellschaft nie wirklich aufgearbeitet worden seien. Stalin habe als Oberbefehlshaber der Roten Armee hunderttausende Soldaten sinnlos „verheizt“, sagte Jan Ratschinski von Memorial. Auch der Menschenrechtsbeauftragte Wladimir Lukin verurteilte die Entscheidung. „Das ist eine Beleidigung der Gefallenen von Stalingrad. Selbstverständlich verdienen sie eine Würdigung, aber nicht in dieser Form“, sagte er. Elke Windisch

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