Gedenken zur Pogromnacht : Scharfe Kritik an Israel-Kritiker Grosser

Die Stadt Frankfurt gedenkt heute der Pogromnacht von 1938. Hauptredner ist der französische Politologe und Israel-Kritiker Alfred Grosser. Vertreter des Zentralrats der Juden wollen die Paulskirche verlassen, falls Grosser in seiner Rede ausfallend gegenüber Israel wird.

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Alfred Grosser.
Alfred Grosser.Foto: dapd

Bekannt ist er als der große Versöhner zwischen Frankreich und Deutschland. Der Politologe Alfred Grosser, 1933 mit seiner Familie aus Frankfurt am Main geflohen, hat sich nach dem Zweiten Weltkrieg für eine Verständigung zwischen Deutschland und Frankreich eingesetzt. Er hat den Franzosen Deutschland erklärt, oft nahm er die Deutschen gegen ungerechte Kritik in Schutz – Verständigung ist sein großes Leitmotiv. Für sein Engagement ist der emeritierte Professor der französischen Elitehochschule Institut des Sciences Politiques oft geehrt worden, etwa 1975 mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.

Seit Jahren nimmt sich der mittlerweile 81-Jährige auch des tragischen Konflikts zwischen Israelis und Palästinensern an, auch der schwierigen Situation, in der sich Deutschland dabei befindet. Auf diesem Terrain ist das Vermitteln ungleich schwieriger. Der Zentralrat der Juden in Deutschland und die jüdische Gemeinde Frankfurt lehnen Alfred Grosser als Redner bei der Gedenkveranstaltung zur Reichspogromnacht in der Frankfurter Paulskirche am heutigen Dienstag ab. Sie forderten von der veranstaltenden Stadt Frankfurt die Ausladung des Politologen – was diese jedoch ablehnt.

Bekanntlich kritisiert Grosser die israelische Politik gegenüber den Palästinensern. In dem 2009 erschienenen Essay „Von Auschwitz nach Jerusalem. Über Deutschland und Israel“ moniert er zudem, dass es in Deutschland noch immer schwierig sei, israelische Menschenrechtsverletzungen gegenüber Palästinensern anzuprangern, weil dies oft vorschnell als antisemitisch gelte. Gleichzeitig hasst er es, wenn seine eigene Kritik hingenommen wird, weil er Jude ist: „Sie dürfen das ja sagen“, bekomme er oft zu hören. Nun will der Zentralrat seine Stimme bei der Veranstaltung zum Gedenken an die Pogromnacht 1938 an eben jenem Ort nicht hören, an dem Grosser vor 35 Jahren selbst seinen Friedenspreis erhielt: Vertreter des Zentralrats wollen die Paulskirche verlassen, falls er in seiner Rede Israel kritisiert.

Damit würden sie eine ähnliche Haltung einnehmen, wie sie Grosser beim Repräsentativen Rat der jüdischen Institutionen in Frankreich (CRIF) kritisiert: Der Rat identifiziere sich „vollständig mit Israel“. Damit trüge er dazu bei, dass die israelische Politik generell mit dem Judentum gleichgesetzt werde – was wiederum Antisemitismus schüre. Eine Befürchtung, die es auch von jüdischer Seite und auch in Deutschland gibt. Auch mit seiner These, dass die Fixierung auf die Einmaligkeit der Schoah den Blick auf das Schicksal anderer, insbesondere der Palästinenser verstelle, steht Grosser nicht allein; in Israel vertreten der Historiker Tom Segev und der Ex-Parlamentspräsident Avraham Burg sie seit langem. Vielleicht sollte man Grosser in der Paulskirche also erst einmal anhören, bevor man den Kritiker kritisiert.

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