Kultur : Gedichte als Gegengewicht

MICHAEL KRÜGER

Bis zum Abitur, das heißt bis zum Bau der Mauer, verdiente ich mir den größeren Teil meines Taschengeldes damit, daß ich den kleineren Teil in einer Wechselstube in Ostgeld umtauschte, mit der S-Bahn nach Ostberlin fuhr, dort in den wenigen Antiquariaten alte Bücher kaufte, zum Beispiel die dunkelgrünen Schriften der Goethe-Gesellschaft, klopfenden Herzens über die Grenze zurückfuhr zum Bahnhof Zoo, um sie in den Antiquariaten in der Motzstraße zu Westgeld zu machen, das ich wieder in Ostgeld tauschte, um ins Theater am Schiffbauerdamm gehen zu können, um die schönen Leinenbädne der Brecht-Ausgabe zu erwerben oder die Schriften von Diderot - und um am Ende eines langen Tages, in der schaukelnden, kreischenden S-Bahn nach Nikolassee, wo wir wohnten, "Sinn und Form" zu lesen.Den Besitz und die Kenntnis der Zeitschrift der Akademie verdanke ich also einer kriminellen Operation, und ein fernes Echo jener besonderen Umstände kribbelt mir noch heute in den Fingern, wenn ich ein aktuelles Heft in die Hand nehme.

Damals lasen wir "Sinn und Form" aus Protest.Das banale Pathos des Kalten Krieges, mit dem wir in Westberlin traktiert wurden, stieß uns ab, die spießig-fanatischen Töne, die aus den Lautsprechern des RIAS kamen und aus den Mündern meiner Tanten aus Zeitz, konnten wir nicht mehr hören.In dieser Atmosphäre des Hasses kamen mir die Gedichte in "Sinn und Form", und ganz besonders die von Huchel selber, wie ein Gegengift vor, ihrer Schwermut, ihrem klagenden Ton wollte ich mich nicht entziehen.

Nach dem Mauerbau, nach dem Abitur, als in der DDR der proletarische "Sakral-Stil" gepflegt wurde, als Huchel hinschmeißen mußte, weil die Zeitschrift, nach Kurt Hager aus dem Politbüro, "jahrelang sorgfältig einer entschiedenen Parteinahme für die sozialistische Entwicklung in der DDR ausgewichen war", als in beiden deutschen Staaten offiziell nur noch mittelmäßig, also taktisch gedacht wurde und jeder für den Frieden und für die Freundschaft der Völker eintrat - seit 1962 habe ich die Zeitschrift nur noch unter ethnologischen Gesichtspunkten gelesen.Nachrichten aus meinem geliebten Land, in das ich nur ungern gelassen wurde: Bitte leeren Sie sämtliche Taschen und legen Sie den Inhalt auf den Tisch."Unter der Wurzel der Distel wohnt nun die Sprache", hieß es bei Huchel, aber warum sollten wir sie da aufsuchen, wo es doch Adorno und Beckett und endlich auch Huchel bei uns in jedem Laden zu kaufen gab? Die DDR mit ihren ewigen Problemen mit der sozialsitischen Kultur ging einem bald auf die Nerven, die homöopathische Methode der Verabreichung von Kultur: Benjamin können wir uns immer noch nicht leisten.Musil jetzt vielleicht doch, aber noch nicht die Tagebücher - dieser von Funktionären erdachte Kulturersatz war so kleinbürgerlich und widerlich wie vieles andere in jener Republik.Und Hitler immer der oberste Kunstrichter: Ein guter Schriftsteller war im antifaschistischen Widerstand!

Heute, am Beginn einer digitalen, virtuellen, extrem kapitalistischen Event-Kultur, in der Zeitschriften des alten Schlages künstlich am Leben gehalten werden müssen, weil sie offenbar keiner mehr braucht, lese ich "Sinn und Form" wieder regelmäßig.Und wieder stellt sich das Gefühl ein, etwas Verbotenes zu tun, wenn man in aller Ruhe die von Sebastian Kleinschmidt ausgesuchten Texte studiert.Tatsächlich ist es ja bei Lebensstrafe verboten, an die alten Texte zu erinnern, die eine Verbindlichkeit beanspruchen, an die keiner mehr erinnert werden will.

Der Autor leitet den Münchner Hanser Verlag und gibt die Zeitschrift Akzente heraus.

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