Kultur : Geduld und Sühne

FORUM „Là-bas“ von Chantal Akerman

Silvia Hallensleben

Ein breites Doppelfenster, fast dem Filmformat angepasst. Dahinter der Blick auf fremde Fenster, Dachterrassen und Balkone. Ein Setting wie in Hitchcocks „Fenster zum Hof“. Der Blick ist frei, gefiltert nur durch ein halbtransparentes Bambus-Rollo, das das Gesehene noch mehr zur Unschärfe verflimmern lässt, als es das Videomaterial sowieso schon tut. Es verdeckt die Kamera aber auch vor dem Gegenüber, denn auch dort sind Menschen zugange. Später sehen wir auch Innenansichten der Wohnung selbst, nur den Gegenschuss von drüben, auf die eigenen Fenster gibt es nie.

Es ist eine voyeuristische Situation, in die Chantal Akerman uns in ihrem jüngsten Film entführt. Und wie zu Hause vom Schreibtisch aus macht es auch hier Spaß, dem Tageslicht bei der Arbeit und den Nachbarn bei der Balkonpflege zuzusehen. Doch in „Là-bas“ geht es selbstverständlich um mehr. Schon länger hatte Produzent Xavier Carniaux der jüdischen Regisseurin vorgeschlagen, einmal einen Film in und über Israel zu drehen. Doch Akerman war diese Aufgabe einerseits zu nahe liegend. Andererseits hatte sie auch Angst vor allzu persönlicher Verstrickung. Ein Lehrauftrag an der Filmschule in Tel Aviv brachte das Projekt dann doch ins Rollen.

Vielleicht war Akermans Unwille intuitiv richtig, und der ungeliebte Israel-Film wäre besser ungedreht geblieben. Denn „Là-bas“ wirkt wie eine Pflichtübung, in der die gestandene Regisseurin noch einmal – wenn auch etwas uninspiriert – all das versammelt, was sie sich als Markenzeichen erarbeitet hat: lange, distanzierte Einstellungen und eine Tonspur, die sich fast autonom gegen die Bilder stellt. In diesem Fall sind damit jene anfangs beschriebenen Fensterblicke gemeint, aus der für den Lehrauftrag angemieteten israelischen Wohnung, später auch Totalen auf Strand und Meer. Der Ton wechselt von mitgeschnittenen Alltagsgeräuschen und Telefonaten zu Sätzen, die von Akerman in ebenso charmant akzentuiertem wie kaum verständlichem Englisch eingesprochen wurden und von Familienerinnerungen und persönlicher Krisenstimmung der Filmemacherin handeln. Diese sprachliche Unschärfe lässt den Text ähnlich verschwimmen wie das von DigiBeta auf die große Leinwand aufgeblasene Bild.

Das Ansinnen der Autorin versteht man dennoch, neue Einsichten aber liefert ihr Film aber eher nicht. Sicher: Akerman hat ihre Hausaufgaben gemacht. Doch es sind wohl ihr bekannter Name und das jüdisch-israelische Thema, die – so sind die Gesetze des Kulturbetriebs – diese 79 Minuten festivalwert machen.

Heute 19 (Delphi), 16. 2. 15.45 Uhr (Cinemaxx 3), 17. 2. 12.30 Uhr (Arsenal)

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