Kultur : Geduld wird belohnt

Staatskunst in der Renaissance: Eine glanzvolle Ausstellung im Dresdner Schloss holt die seit 200 Jahren in Sachsen beheimateten Bilder des Hofes von Ferrara wieder ans Licht

Bernhard Schulz

Als die verheerende Flut vom August vergangenen Jahres Dresden überspülte, lagen im Kellerdepot der Gemäldegalerie Alter Meister 26 Werke der Ferrareser Malerei bereit, um zu einer Sonderausstellung in die Stadt ihrer Herkunft versandt zu werden. Sie konnten, wie alle anderen Gemälde auch, in der mittlerweile legendären Nachtaktion gerade noch gerettet werden. Einige wenige Wasserschäden waren gleichwohl zu verzeichnen; sie wurden dank großzügiger Hilfe aus Italien inzwischen behoben.

Den Winter über zog die Ausstellung „Der Triumph des Bacchus. Meisterwerke Ferrareser Malerei in Dresden, 1480 – 1620“ Scharen von Besuchern nach Ferrara. Jetzt ist die Ausstellung an ihre zweite Station nach Dresden gekommen, wo sie im Georgenbau des Schlosses gezeigt wird. Auch diese Ausstellung, obwohl sie zumindest den Drednern wenig Unbekannntes zeigt, stellt eindringlich vor Augen, welche Schätze die sächsische Metropole beherbergt – und welche Verpflichtung es darstellt, sie Schätze angemessen aufzubereiten.

Denn die Rolle, die Ferrara als typische Renaissance-Residenz im cinquecento gespielt hat, ist allenfalls Italienkennern geläufig. Drei Jahrhunderte dauerte die Herrschaft der Familie der Este über zunächst Markgrafschaft und schließlich Herzogtum Ferrara. Ämter und Würden hatten die Este von Papst und Kaiser gleichermaßen: Borso d’Este wurde bald nach Beginn seiner Regentschaft von Kaiser Friedrich III. zum Herzog von Modena (1452) und gegen deren Ende von Papst Paul II. zum Herzog von Ferrara (1471) ernannt. So waren die Este gezwungen, ihre stets prekäre Herrschaft sorgfältig zwischen den beiden konkurrierenden Mächten auszubalancieren.

Unter Ercole I., dessen Sohn Alfonso I. (reg. 1505-34) und dessen Enkel Ercole II. (reg. 1534-59) erfuhr die Residenz ihre Erweiterung und Ausschmückung in wahrhaft europäischer Dimension. Ein Schloss verdoppelte den ursprünglichen Herrschersitz im Castello Estense, die Stadt selbst wurde 1490 aufs Zweifache ihrer Fläche erweitert. Vor allem aber zogen die beiden Herzöge Künstler von Rang an den Hof, wie die beiden hochberühmten Renaissancedichter Ariost und Tasso, oder erteilten Aufträge, wie an die Maler Raffael, Giovanni Bellini oder Tizian. Im Strahlkreis dieser Prominenz wuchs eine eigenständige Ferrareser Malerei, der die herzöglichen Sammlungen ihr Profil verdankten.

Mit Alfonso II. endete die glanzvolle Geschichte der Este in Ferrara abrupt: Der Herzog hinterließ bei seinem Tod 1597 keinen legitimen Nachfolger, so dass das Herzogtum als päpstliches Lehen an Rom zurückfiel. Die Este mussten die Stadt verlassen und sich nach Modena zurückziehen, konnten aber einen Großteil ihrer Kunstschätze sichern. Bis Mitte des 18. Jahrhunderts konnte das Erbe grosso modo bewahrt werden; dann zwang Geldnot zum Verkauf. Der in Dresden residierende sächsische Kurfürst Friedrich August II., besser bekannt als polnischer König August III., besiegelte 1746 die Gelegenheit, durch den Erwerb von 100 Gemälden aus dem Castello Estense den Glanz seiner eigenen Kunstsammlung entscheidend zu steigern. So kam zum Beispiel Tizians „Zinsgroschen“, seither ein Hauptwerk der Dresdner Galerie, in jene Stadt, die nicht zuletzt dank der umfangreichen Tätigkeit italienischer Architekten, Bildhauer und Maler als „Elbflorenz“ gerühmt zu werden begann.

Gerade am „Zinsgroschen“ lässt sich zeigen, wie eine ursprünglich politischeBedeutung verloren ging. Das 1516 entstandene Gemälde – das seines fragilen Zustandes halber in der jetzigen Ausstellung nur in Kopie vertreten ist – stellt die in den Evangelien geschilderte „Steuerfrage“ dar; übrigens erstmals in der Malerei überhaupt. „So gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist“, lautet Jesus’ Antwort auf die Frage der Pharisäer. Für die Este von Ferrara war dies, legitimierend überhöht, die Richtschnur im politischen Alltag zwischen Kaiser und Papst.

Die Ausstellung will nicht den Sammelankauf Augusts III. zur Gänze vorführen, sondern beschränkt sich auf die Ferrareser Malerei als den umfangreichsten Teilbestand der Dresdner Erwerbung. Durch vorzügliche Leihgaben aus Modena gelingt es darüber hinaus, das Bildprogramm der Herzöge in wichtigen Beispielen zu rekonstruieren. So kann die allegorische Ausschmückung der Camera della pazienza wiederhergestellt werden. Der Darstellung der „Geduld“ als der Wahltugend des Auftraggebers, Herzog Ercole II., die in Modena verblieb, stehen die drei nach Dresden gelangten Personifikationen von kairos, justitita und pax zur Seite: Wer sich in Geduld übt – so die Botschaft –, vermag den günstigen Augenblick zu ergreifen; darauf aufbauend, kann eine gerechte Regierung Frieden (und, in derselben Personifikation dargestellt, Wohlstand) bewahren.

Den Hauptsaal der Ausstellung beherrscht das großformatige, nach jahrelanger Restaurierung erstmals wieder der Öffentlichkeit zugängliche Gemälde „Der Triumph des Bacchus“ von Benvenuto Tisi, gen. Garofalo. Das auf 1540 datierte Gemälde des um 1481 in Ferrara geborenen Malers ist gewissermaßen zweite Wahl: Alfonso I. hatte sich um ein Bacchanal aus der Hand (respektive Werkstatt) Raffaels bemüht, doch lediglich eine Vorzeichnung erhalten. Auf ihr aufbauend, schuf Garofalo, der seinerseits einem umfangreichen Werkstattbetrieb vorstand, für Alfonsos Sohn Ercole II. das Gemälde, das seinem Sujet entsprechend einen Fest- und Tanzsaal des Palasts schmückte.

Die Ferrareser Malerei umfasst neben solchen, der Antike entnommenen Sujets auch Historienmalerei. Garofalo, der in seiner Lehrzeit Raffaels Werke in Rom studieren konnte und dem Vorbild kompositorisch zeitlebens verbunden blieb, lernte von Tizian das venezianische Kolorit. So bildet die Ferrareser Malerei, der geografischen Lage der Stadt gemäß, auch stilgeschichtlich eine Brücke zwischen Venedig und Rom. Raffael blieb allerdings der Leitstern: So gehen die Darstellungen der Ferrareser Schutzpatrone, des Erzengels Michael und des Hl. Georg, durch Battista und Dosso Dossi auf Zeichnungen Raffels zurück.

Im Dresdner Schloss hat eine Farben- und Formenpracht Einzug gehalten, die den nüchternen Räumen des teilrestaurierten Schlosses Glanzlichter aufsteckt. Eine „Schule“ der italienischen Renaissancemalerei, die von Ferrara, ersteht hier in ihrem Zusammenhang. Sie war stets in Dresden zu sehen, nur eben nicht recht gewärtig.

Dresden, Schloss, bis 3. August. Katalog 35 €.

0 Kommentare

Neuester Kommentar