Kultur : Geduldsspiel oder Donnerschlag

Halbzeit in der Nationalgalerie: Manet und Meissonier – die Geschichte zweier Bilder und der Moderne in der Kunststadt Paris

Bernhard Schulz

Heute ist Halbzeit in der Neuen Nationalgalerei – und bereits letzte Woche wurde bei den „schönsten Franzosen“ der 250 000 Besucher gezählt. Der angepeilte Erfolg der Berliner Ausstellung über die französische Malerei des 19. Jahrhunderts aus dem Metropolitan Museum New York zeichnet sich erkennbar ab.

Hartnäckig hält sich dabei das Gerücht, es handele sich um eine Austellung allein des beim Publikum so beliebten Impressionismus. Kein Wunder, schließlich zählt Edouard Manets „Im Boot“, gemalt in der Sommerfrische an der Seine 1874, zu den Erkennungsbildern der Ausstellung. Zu keiner anderen Zeit hatte Manet sich der Malerei der Impressionisten mehr angenähert, die im selben Jahr mit ihrer ersten Ausstellung Aufsehen erregten. Dennoch, wer die Schau gesehen hat, weiß: Sie bietet weit mehr als Impressionisten.

Manets Gemälde hängt in der Nationalgalerie unweit eines ganz anderen Werks, Ernest Meissoniers Breitformat „Friedland“. Ein Schlachtenepos, das den Sieg Napoleons über Russland nahe dem gleichnamigen preußischen Dorf im Jahr 1807 zum Gegenstand hat. Das konventionelle Bild wirkt befremdlich genug, denn den Feinmaler Meissonier zusammen mit den Malern des „modernen Lebens“ – wie sie Charles Baudelaire 1863 programmatisch gefordert hatte – zu zeigen, widerspricht der landläufigen Vorstellung von der französischen Malerei des späten 19. Jahrhunderts. Dennoch sind Meissonier und Manet nicht einfach nur Zeitgenossen. Ihre Wege kreuzten sich vielfach. Persönlich lernten sie sich erst 1870 kennen, als Nationalgardisten während der preußischen Belagerung von Paris; Meissonier war Manets Vorgesetzter. Der Traditionalist und der Revolutionär verfolgten ihre künstlerischen Karrieren über zwanzig Jahre lang in Paris, mit Ruhm und Einkommen überhäuft der eine, von Ablehnung und Misserfolg verfolgt der andere.

Der kanadische Autor Ross King hat um ihrer beider Leben herum eine Geschichte der Kunsthauptstadt Paris im Zweiten Kaiserreich verfasst, dem eher gleißenden als glanzvollen Regime von Kaisers Napoleon III. King erzählt von der kurzen Zeitspanne von 1863 (dem Jahr der Entstehung von Manets Skandalbildern „Frühstück im Freien“ und „Olympia“) bis 1870/71 (dem Ende des Kaiserreichs im Krieg gegen Preußen) in Form einer Parallelaktion. Immer wieder gibt es Einschübe, die die große Politik mit kunstpolitischen Intrigen in Beziehung setzen, immer wieder greift der Autor auf Früheres zurück. Gut für den Leser, der sich nicht jede Begebenheit über hunderte von Seiten hinweg merken kann.

Allerdings verwundert es, dass ein Autor, der den Erfinder eines einzelnen Farbpigments namentlich zu nennen weiß, über eine Fabrik als namenlose „Eisengießerei von Le Creusot“ hinweggeht, bei der es sich um die bedeutendste Waffenschmiede Frankreichs handelte. Die Erzeugnisse der Firma Schneider wetteiferten bei der Pariser Weltausstellung 1867 mit denen von Krupp – und mit jenen Kanonen, die drei Jahre darauf den Sieg Preußens besiegelten. Einen Sieg, der Meissonier erst recht zum konservativ-patriotischen Maler reifen ließ.

Ross King ist ansonsten ungeheuer detailgenau, hat er doch alle Sitzungsprotokolle der Salonjurys – der wichtigsten Instanz für den Erfolg der Pariser Künstler – und einen erklecklichen Teil der überreichen Presse gelesen. Meissonier, geboren 1815 und 17 Jahre älter als Manet, nimmt die Rolle des nicht unsympathischen, autodidaktisch geschulten Traditionalisten ein, der andere Ziele verfolgt als die der aufkommenden plein-air-Malerei. Sein Hyperrealismus zwingt ihn, im Garten seines Landsitzes Schienen zu verlegen, um auf einem Wagen die Bewegungen galoppierender Pferde studieren zu können. Er kauft sogar ein Weizenfeld, um es von Soldaten niedertrampeln zu lassen, damit er die gebrochenen Halme in „Friedland“ wirklichkeitsgetreu malen kann.

Manet hingegen ist der fleißig im Louvre kopierende Schüler, der seine Studien in die Gegenwart der Bürgergesellschaft zu übersetzen vermag. Manets vielzitierter Ausspruch, „Il faut etre de son temps“, hat ebensosehr dazu beigetragen, in ihm den paradigmatischen Maler der modernité zu sehen, wie die posthume Verehrung der Impressionisten nach seinem frühen Tod 1883. All dies ist zwar keine neue Erkenntnis. Aber zu verfolgen, wie Manet um die Beteiligung am alles entscheidenden jährlichen Salon (mit Millionen Besuchern) gerungen hat und wie verwoben die Politik der mächtigen Kunstintendanten mit jener des Kaisers war, ist spannend zu lesen.

Die Durchsetzung der Moderne erfolgte nicht im einsamen Kampf gegen die Ignoranz der Etablierten. Sie erfolgte im Rahmen einer umfassenden Bewegung, an der Literaten und Kunstkritiker wie Charles Baudelaire oder Emile Zola ihren Anteil hatten. Wie stark das Bild des modernen Künstlers eine Selbststilisierung war, zeigt Stefan Borchardt in seinem jüngst erschienenen Buch „Heldendarsteller. Gustave Courbet, Edouard Manet und die Legende vom modernen Künstler“. Der Autor erarbeitet anhand sorgfältiger Lektüre der damaligen Streitschriften heraus, wie ein völlig neues Kunstverständnis etabliert wurde – gegen die Institutionen, aber auch gegen das oft verständnislose Publikum. Nicht mehr das einzelne Werk zählt, sondern die „Authentizität“ des Künstlers, der weder Normen folgt, noch die Natur nachahmt, sondern „aus sich selbst heraus“ schafft, wie Zola es unermüdlich propagiert. Das Einzelwerk tritt zurück hinter die Persönlichkeit des Künstlers, der zum alleinigen Maßstab der Wahrhaftigkeit seiner Kunst wird.

Borchardt zeigt, wie die Künstler, allen voran Courbet – der in der Berliner Ausstellung mit zahlreichen Werken vertreten ist – , Sujets und Malweise ihrer Bilder gezielt einsetzen, um ihrem selbstproduzierten Image zu entsprechen. Das Marktstrategische der modernen Künstler hatte schon Baudelaire erkannt: „Man kann auf zweierlei Weise berühmt werden: durch eine Aneinanderreihung alljährlicher Erfolge, oder mit einem Donnerschlag.“

Eben das charakterisiert auch Monet und Meissonier, Kings Protagonisten. Buch. Meissonier errang binnen zweier Jahrzehnte dreimal die Große Medaille des Salons. 1890 bezahlte ein Kaufhausbesitzer für sein anderes großes Napoleonbild, „Frankreichfeldzug 1814“, eine Summe, die das Jahresbudget der Pariser Oper übertraf. Manet machte Skandal, 1863t dem „Frühstück im Freien“, 1865 mit der „Olympia“, aber auch, als er 1867 fast ohne jede Resonanz in einem eigenen Pavillon ausstellte. Meissoniers Stern sank bald nach seinem Tod 1891, bis er in der Kunstgeschichte nicht einmal mehr Erwähnung fand. Manets Ruhm erreichte dagegen raunende Höhen.

Beide Bücher tragen dazu bei, eine in zahllosen Darstellungen erschöpfend ausgeleuchtete Epoche differenzierter zu sehen. Allerdings auf einseitige Weise. Unverzichtbar bleiben Studien wie die von T.J.Clark, Robert L. Herbert oder Theodore Reffs „Manet and Modern Paris“ von 1982, ganz zu schweigen vom Katalog der großartigen Pariser Manet-Retrospektive von 1983. Und: Paris vertritt die Moderne nicht allein. Kein Geringerer als Adolph Menzel, der bedeutendste deutsche Realist, erkannte ausgerechnet in Meissonier einen Wahlverwandten.

Ross King: Zum Frühstück ins Freie. Manet, Monet und die Ursprünge der französischen Malerei. Albrecht Knaus Verlag, München 2007. 544 Seiten, 24,95 €.

Stefan Borchardt: Heldendarsteller. Gustave Courbet, Edouard Manet und die Legende vom modernen Künstler. Dietrich Reimer Verlag, Berlin 2007. 354 S., 49 €.

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