Kultur : Gefährdete Liebschaften

Martin Pfaff inszeniert Goethes „Clavigo“ an den Kammerspielen des Deutschen Theaters Berlin

Christina Tilmann

Kein Narr, wem die Geschichte bekannt vorkommt: Goethes „Clavigo“ ist ein Gegen-Faust, ein Jugend-Faust, mindestens ebenso geprägt von der ziemlich rücksichtslosen Liebschaft des jungen Goethe mit Friederike Brion wie später die Gretchen-Tragödie von dem von Goethe aufmerksam verfolgten Prozess gegen die Kindsmörderin Margarete Brand in Frankfurt. Schon in Goethes Jugenddrama tritt auf: ein Möchtegern-Mephisto in Gestalt des Clavigo-Freunds Carlos. Er ist der Verführer, ein gewissenloser Intrigant, von ähnlich müdem Weltekel wie Fausts Teufel. Dazu das betrogene Mädchen, das „süße Ding“: Marie Beaumarchais geht an ihrer vergeblichen Liebe genauso zugrunde wie Gretchen. Nicht fehlen darf ferner: der sittenstrenge und etwas tumbe Bruder sowie die lockere, kuppelnde Schwester.

Eine kluge Spielplangestaltung des Deutschen Theaters Berlin also, die das Stück parallel zum „Faust“-Erfolg am Großen Haus ansetzt. So kann man vor Ort vergleichen: Ist Clavigo wie Faust? Zumindest ist er genauso lenkbar, beeinflussbar, hingegeben den momentanen Stimmungen, schnell erregt, schnell bewegt. Doch da ist noch mehr als die Schwäche, der Jugendwahn, auch die Herzenskälte eines Faust. Clavigos Hang zur Autosuggestion hat etwas Pathologisches. Nicht von ungefähr schließt Dramaturg Bernd Stegemann Clavigos notorische Entschlussunfähigkeit im Programmheft mit den Erkenntnissen der neueren Gehirnforschung kurz: dieser Karrierist, der seine Geliebte verlässt, sich wieder verliebt, entliebt, hin- und herschwankt zwischen Mitleid und Selbstverliebtheit, ist mehr als ein bindungsunfähiger Zeitgenosse. Und es braucht einen Schauspieler mit großer Virtuosität, um den chamäleonartigen Wechsel glaubhaft zu machen.

Alexander Khuon, am DT erstmals aufgefallen als Nick in Jürgen Goschs Inszenierung von „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“, ist so ein Schauspieler. Ein Luftgeist, ein Phantast. Kann mit seinen braunen Locken, dem Charme eines Sonnenkinds schnell Sympathien gewinnen und im nächsten Moment wieder ganz leer werden, ein Melancholiker. Kann hart sein, ein Karrierist, und im nächsten Moment wieder ratlos, eine Marionette in der Hand seines Freundes. Häufig sind es die kleinen Gesten: das unauffällige Schnüffeln an der Haut, am Haar seiner Geliebten. Riecht er den Geruch von Armut, Verzweiflung, Krankheit? Kann er sie im wahrsten Wortsinn nicht mehr riechen? Und im nächsten Moment das strahlende Lachen des Glücks beim Wiedersehen, ein Gesicht voller Liebe, offen, ohne Verstellung. Kann man einem solchen Lachen misstrauen? Doch im nächsten Moment schon ist es erloschen.

Martin Pfaffs Inszenierung an den Kammerspielen ist stark in diesen Charakterbildern, nicht nur bei Clavigo. Daniela Holtz spielt die aufopferungsvoll liebende Marie als Mimi, die fliegen will, einmal im Leben. Auch Timo Dierkes als ihr gewalttätig sorgender Bruder oder Katrin Klein als bodenständige Schwester sind klar umrissen. Ganz zu schweigen von Fabian Gerhardt als Carlos, der seiner Figur alle Arroganz, alle Schnoddrigkeit des kühl berechnenden Großstadt-Intellektuellen gibt.

Schwächer wird der Abend leider dort, wo er Raum, Zeit, Milieu gestaltet. Dass Clavigo und Carlos, die hoffnungsvollen Jungverleger eines Magazins namens „derdenker.de“ im chic gestylten Redaktionsbüro auftreten, als seien sie Alexander von Schönburg und Joachim Bessing in Berlin-Mitte, ist nahe liegend, wenn auch nicht originell. Doch schon die proletarische Lebenswelt der Familie Beaumarchais, angesiedelt in einem abgekupferten Volksbühnen-Interieur (Bühnenbild: Claudia Rohner), hält angesichts von Maries Empfindsamkeit nicht stand. Hier verlieren die Figuren sich, finden nicht mehr zueinander und schon gar nicht zum gemeinsamen Spiel. Und so kommen dann die Videosequenz am Anfang des Abends, die Gesangseinlagen am Mikophon und die Humana-Kostümästhetik nur noch als modischer Zeitgeist daher. Und was der 70-Minuten-Abend an genauer psychologischer Beobachtung gewonnen hat, fehlt ihm an allgemeiner Weltsicht.

Den Schluss, die Opferungstat Clavigos, der nach dem Tod Maries sich selbst dem Urteil stellt und seinen Mörder auch noch rettet, hat Pfaff gestrichen. Kein Opfertod für Clavigo, kein Heldentum in dieser Welt. Stattdessen ein Ende in Ratlosigkeit. Im Raum stehen bleibt die Frage: „Und nun?“

Wieder am 26. und 29. März

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