Kultur : Gefährliche Heimat

Warum der Schriftsteller nach dem Mord an Hrant Dink jetzt nicht ins Ausland reisen will

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Orhan Pamuk hat dem Hass schon ins Gesicht gesehen. Mit knapper Not entkam der Schriftsteller vor dreizehn Monaten einem Mob von geifernden Nationalisten, die ihn auf der Straße vor dem Gericht im Istanbuler Bezirk Sisli lynchen wollten. Pamuk wurde in dem Prozess nach dem neuen, umstrittenen Artikel 301 der türkischen Gesetzgebung vorgeworfen, die Türkei beleidigt zu haben, als er von einem Völkermord an den Armeniern sprach – in den Augen vieler Türken ein glatter Landesverrat. Dabei hatte Pamuk sich nicht einmal in der Türkei geäußert, sondern in einer Schweizer Zeitung.

Kurz nach seinen Äußerungen erhielt Pamuk 2005 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels , 2006 wurde er mit dem Literaturnobelpreis geehrt. An diesem Freitag sollte er nun die Ehrendoktorwürde der FU bekommen und im Anschluss daran auf Lesereise gehen. Mitte Januar aber wurde der armenisch-türkische Journalist Hrant Dink ermordet – Dink war damals bei den Szenen vor Gericht dabei. Auf einer Deutschlandreise hätte Orhan Pamuk unweigerlich Fragen zum Schicksal der Armenier, zum Mord an Hrant Dink und zur Meinungsfreiheit in der Türkei beantworten müssen. Dazu sah er sich nach Angaben seines deutschen Verlegers Michael Krüger psychisch nicht in der Lage. Womöglich hätte er nach seiner Rückkehr außerdem auch mit neuen Anklagen und neuen Lynchversuchen rechnen müssen.

Seit fast zwei Jahren, seit seinen Äußerungen über den Völkermord an den Armeniern, steckt Pamuk in einem schweren Zwiespalt. Einerseits sieht er die Meinungsfreiheit in seinem Heimatland massiv bedroht. Da bringt er, wie in seiner Friedenspreisrede 2005, sein Unbehagen über die Empfindlichkeit und Wut zum Ausdruck, mit der „noch immer Schriftstellern gezürnt, nach wie vor eine eklatante Intoleranz an den Tag gelegt wird, Romane verbrannt und Schriftsteller vor Gericht gezerrt werden“.

Anderseits sehnt er sich nach den Glücksversprechen der Literatur. So erinnert er sich in seinem aktuellen Buch in einer Mischung aus Stadtbeschreibung und Bildungsroman an seine Istanbuler Kindheit. Und so war seine Nobelpreisrede bewusst frei von Tagespolitik, nämlich eine Liebeserklärung an den Vater und eine Reflexion über die Entstehung von Literatur. Der Mord an seinem Freund Hrant Dink und die damit verbundene Absage seiner Deutschlandreise hat diesen Zwiespalt nur verstärkt. Das Glück der Literatur, die Freude darüber, mit einem Buch „eine beglückende andere Welt mit sich zu führen“, wie Pamuk in einem seiner Essays schreibt – sie lässt sich nur schwer mit der gesellschaftspolitischen Situation in der Türkei vereinbaren. Die Literatur und zugleich die Türkei zur Heimat zu haben und sich zu beiden auch öffentlich zu bekennen, wie Pamuk es tut, das bedeutet zurzeit die Quadratur des Kreises.

Hrant Dink wurde auf offener Straße in Sisli ermordet. Anders als Pamuk, dessen Prozess eingestellt worden war, hatten türkische Richter ihn kurze Zeit später verurteilt, weil er ebenfalls die Armenierfrage thematisiert hatte. Seit dem Mord leben Orhan Pamuk und andere kritische Intellektuelle zwar unter Polizeischutz; sicher fühlen können sie sich jedoch nicht. Schon als Pamuk vor Gericht fast gelyncht worden wäre, hatten sich die sonst so schlagkräftigen Istanbuler Polizisten nicht sonderlich darum bemüht, ihn vor der aufgebrachten Menge zu schützen.

Und noch etwas hat sich in diesen Tagen herausgestellt: Die Polizei war über die Pläne für den Mord an Dink bereits monatelang informiert. Ein Polizeispitzel hatte die Behörden im nordtürkischen Trabzon gewarnt, dass der vorbestrafte Yasin Hayal mit Helfershelfern einen Anschlag plane. Die Polizei in Trabzon habe diese Informationen nach Istanbul weitergeleitet, wo sie jedoch nach oberflächlicher Prüfung zu den Akten gelegt wurden. Drei weitere Warnungen des Informanten gab die Trabzoner Polizei nicht einmal mehr weiter, obwohl die Täter inzwischen offen mit ihrem Vorhaben prahlten. Fünf Tage vor der Tat habe fast jeder im Wohnviertel der Täter von den Plänen gewusst, berichtete die Tageszeitung „Radikal“. Die Nachlässigkeit der Polizei steht in krassem Gegensatz zu ihrem Auftreten gegenüber Kurden oder Linken, bei denen der kleinste Hinweis genügt, um Massenfestnahmen vorzunehmen.

Die nationalistische Grundstimmung im Land hat sich seit der Ermordung von Dink und besonders seit seiner Beerdigung weiter verstärkt. Kontroverser als der Mord selbst wird das Motto diskutiert, unter dem der Trauerzug stand: „Wir sind alle Armenier.“ In Teehäusern und Internet-Foren regten sich tausende Türken darüber auf, in Fußballstadien wurden Transparente mit der Aufschrift „Wir sind und bleiben Türken“ und mit antiarmenischen Parolen gehisst. Auch Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan kritisierte den Beerdigungs-Slogan. Der Mord an Dink sei nun genug betrauert worden, erklärte Oppositionsführer Deniz Baykal: „Schließlich ist der Nationalismus der Zement, der diese Gesellschaft zusammenhält.“ Verflogen ist die Euphorie der liberal-demokratischen Intelligenzia des Landes über die massenhafte Beteiligung am Trauerzug. „Die schweigende Mehrheit schweigt nicht mehr“, hatten viele gejubelt, als 100 000 Menschen bei der Beerdigung mitmarschierten.

Mit Erschrecken nehmen diese Demonstranten aus den wohlhabenderen Vierteln von Istanbul nun ihre schwache gesellschaftliche Stellung zur Kenntnis. „Wir waren 200 000 Teilnehmer bei dem Trauerzug, und das war schön“, schreibt die Kolumnistin Ece Temelkuran in der Zeitung „Milliyet“. „Aber wir sind und bleiben eine Minderheit – nicht einmal ein Prozent der Bevölkerung von Istanbul.“ Hunderte E-Mails habe sie nach einer Kolumne bekommen, in der sie die Ermordung von Dink als schlimmes Unglück bezeichnete, berichtet die Journalistin. „Ich solle bloß aufpassen, was ich schreibe, hieß es in jeder zweiten Mail.“ Sie fragt sich, ob sie nun jedes Mal den Staatsanwalt anrufen und Polizeischutz erbitten solle, wenn sie etwas über Armenier oder Kurden schreibe. Inzwischen warnte das Innenministerium in Ankara alle Provinzen des Landes vor weiteren möglichen Anschlägen. Gewalttätige Reaktionen der Türken, so das Ministerium, seien absehbar: nicht etwa auf den Mord an Dink, sondern auf die Solidarität mit ihm.

Orhan Pamuk weiß wohl, dass er ein Ziel solcher Anschläge sein kann.

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