Kultur : Gefährliche Hiebschaften

WETTBEWERB Was eine Frau darf, wenn sie will: Jacques Rivettes Balzac-Verfilmung „Ne touchez pas la hache“

Christina Tilmann

Es beginnt wie eine Geschichte aus Tausendundeiner Nacht: Ein Mann erzählt von seinen Abenteuern in der Wüste. Sand, Hitze, Durst, Verzweiflung, gerade ist der Protagonist der Erzählung niedergesunken, zu matt, um weiterzugehen, da bestimmt die Zuhörerin: „Schluss jetzt. Kommen Sie morgen wieder.“ So geht das noch einige Tage weiter, immer an der spannendsten Stelle unterbricht die kapriziöse Herzogin Antoinette von Langeais, und ihr Verehrer, der General Armand de Montriveau, zieht frustriert von dannen.

Ein Kräftemessen, von Anfang an. Er will eine Mätresse, sie will einen Flirt. Doch bald haben sie sich so in ihr Spiel verstrickt, dass es um echte Leidenschaft, echte Liebe geht, und beide sind zu stolz, es zuzugeben – bis es zu spät ist. Stahl steht gegen Stahl, Wille gegen Wille: „Wir werden ja sehen, welches Herz das schärfere ist“, sagt Montriveau. Eisern gepanzert sind sie beide: Montriveau, der kriegsversehrte General (Guillaume Depardieu), der in der Pariser Gesellschaft als Attraktion hofiert wird, hat eine Beinprothese, er hinkt, und hart klopft sein Gehstock auf dem Boden. Sie, die Herzogin von Langeais (zauberhaft wechselhaft: Jeanne Balibar), ist geschmeidig wie Stahl, biegsam, zwar offenherzig dekolletiert nach der Mode der Zeit (Kostüme: Maria Ramedhan-Levi), aber ihre Grundsätze sind eisern: Sie kokettiert mit ihm, aber verweigert sich ihm. Da steht Konvention gegen Emotion, Religion gegen Revolution.

Eine Screwball-Tragedy, in der beide mit geschliffenen Sätzen nach Kräften versuchen, einander zu verletzen: Die Konstellation erinnert an Choderlos de Laclos’ Skandalroman „Gefährliche Liebschaften“, nur spielt die Geschichte nicht in der vorrevolutionären Adelsgesellschaft, sondern in der nachnapoleonischen Restauration, in der Kleingeister und Oberflächlichkeit den Ton angeben. Die Balzac-Erzählung „Die Herzogin von Langeais“ (ursprünglicher Titel „Ne touchez pas la hache“), 1833 erstmals in Teilen veröffentlicht, ist Teil einer Trilogie der „Histoire des Treize“, die das Wirken eines mysteriösen Geheimbunds schildert. Regisseur Jacques Rivette und sein Drehbuchautor Pascal Bonitzer sind der Vorlage sehr treu geblieben: „Lange Sätze, überraschende Tempowechsel, die Art, fast nebenbei die wichtigsten Dinge zu sagen“, das habe er filmisch umsetzen wollen, erklärt Rivette, dem sein Kollege Eric Rohmer früh schon geraten hatte, als Regisseur müsse man vor allem zwei Schriftsteller lesen: Balzac und Dostojewski.

Herausgekommen ist ein kunstvolles Experiment, eine Zeitreise: ein Historienfilm reinsten Wassers, in dem bis zur goldenen Kaffeetasse alles aufs Feinste rekonstruiert ist (Ausstattung: Manu de Chauvigny). Eine Literaturverfilmung, die von großer Ehrfurcht vor der Textvorlage zeugt. Und doch ein Dokument einer Zeitenwende, eines Gesellschaftsumbruchs. Denn es geht um den Kampf zwischen Sentiment und Konvention, um Macht zwischen den Geschlechtern und darum, was eine Frau darf, wenn sie will.

Auch Eric Rohmer hatte sich vor einigen Jahren mit „L’Anglaise et le duc“ an einer ähnlichen Historie versucht, mit gemalten Landschaftsprospekten und selbstironischer Künstlichkeit. Rivette und sein wunderbarer Kameramann William Lubtchansky dagegen setzten ganz auf Atmosphäre: Erlesen der Wechsel zwischen Licht und Schatten, die dunklen, tiefen Räume, nur von Kerzen erhellt, die feinen Klänge der Pendulen, die den Verlauf der Zeit, die Spanne zwischen Warten, Hoffen und Verzweifeln abmessen. Und wunderbar lakonisch die Zwischentitel, die eben diesen Zeitverlauf bemessen, das langsame Verstreichen einer Spanne von „24 Stunden später“, und dann eine geradezu magische Beschleunigung: „Kurz darauf …“ und „Später“. Vom Zeitverlauf, vom Zuspätkommen und Den-richtigen-Augenblick-verpassen erzählt der ganze Film. Da kann eine stehen gebliebene Standuhr über ein Lebensglück entscheiden, der Epilog fünf Jahre später in einem gefängnisartigen Klarissen-Kloster auf einer spanischen Insel macht die Tragik dieses Zuspätkommens grausam spürbar.

Der Titel „Berühren Sie das Beil nicht“ verdankt sich übrigens einer Anekdote: Es gebe einen Wächter in Westminster, der seine Besucher mit diesem Befehl erschrecke, wenn er ihnen die Axt zeigt, mit der dem König Charles I. der Kopf abschlagen wurde, erzählt Montriveau seiner Zuhörerin, und führt mit einem Blick auf ihren Schwanenhals drohend hinzu: „Sie aber, Madame, haben das Beil berührt.“ Doch manchmal ist ein Beil doch viel zu grob. Auch eine Schreibfeder tut den Dienst.

Heute 12 Uhr und 21 Uhr (Urania) und 18. 2. (Berlinale–Palast)

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