Kultur : Gefährliche Leihgaben

Geschenke als Spekulationsobjekte: Wie private Sammler und Kunstmäzene Museen ausnutzen

Nicola Kuhn

Als im Sommer am Hinterausgang des Frankfurter Museums für Moderne Kunst Gemälde und Skulpturen in die Lastwagen eines Kunstspediteurs eingeladen wurden, sah das wie ein normaler Bildertransport aus. Wenig später erfuhr die Öffentlichkeit, was tatsächlich in jener Seitenstraße der Innenstadt geschehen war. Die verfrachteten Werke hatten ihr Domizil auf Nimmerwiedersehen verlassen.

Es war der Kunstsammler und Immobilienhändler Dieter Bock, der seinen Besitz kurzerhand dem Museum entzog. Noch wenige Wochen zuvor hatte das Haus angenommen, dauerhafter Eigentümer der fast 500 Kunstwerke zu sein. Im Nachhinein stellte sich jedoch heraus, dass die vom Gründungsdirektor erworbenen Werke, bezahlt aus dem Portefeuille von Dieter Bock, keineswegs endgültig übereignet waren. Sie sollten nur ihre museale Wertsteigerung erfahren, um auf dem Kunstmarkt bessere Rendite zu bringen. Und als wenig später zentrale Stücke ihres Flaggschiffs für moderne Kunst bei Christie’s unter den Hammer kamen, hatten die Frankfurter das Nachsehen. Einzig der belgische Maler Luc Tuymans legte Widerspruch ein. Sein Galerist erwirkte eine einstweilige Verfügung, weil der Künstler hohe Rabatte gewährt hatte, im Glauben, sein Werk einem Museum zu überantworten. In einer eher kläglichen Rettungsaktion legte der Stadtrat 170 000 Euro nach, um wenigstens 14 Arbeiten zurückerwerben zu können.

Der Fall Frankfurt ist ein Exempel - und nicht das einzige. In diesem Jahr kam es bei einer Vielzahl von Häusern zu unerfreulichen Konfrontationen zwischen Privatsammlern und Museum. Vielerorts wird die Quittung dafür präsentiert, dass leichtfertig Verträge abgeschlossen wurden, in der Gier nach neuen Werken – oder um Sammlungslücken zu schließen. Die einst glückliche Liaison mit der Sehnsucht der privaten Sammler nach Reputation erweist sich oft als fatale Verbindung – für die öffentliche Hand. Denn wenn der Sammler klamm geworden ist, ihm die Ausstellungspolitik des Museums nicht mehr passt oder er sich andernorts bessere Präsentationsmöglichkeiten verspricht, entzieht er seine Schätze der Öffentlichkeit.

Der Ton, in dem über das prekäre Verhältnis räsonniert wird, hat sich auch deshalb verschärft, weil nur wenige Tage nach dem Frankfurter Debakel der Verkauf der Grothe-Kollektion an das Sammlerehepaar Ströher über die Bühne ging. Auch hier können dramatische Veränderungen für das Bonner Kunstmuseum die Folge sein, in dem ein Großteil der auf Malerstars wie Immendorff, Kiefer, Richter konzentrierten Sammlung Grothe gehütet wird. Denn die auf Informel abonnierten Ströhers steigen nun ihrerseits in den ursprünglich von Grothe ausgehandelten Leihvertrag ein: Die Verfügungsmacht bleibt bei den Sammlern, für Lagerung, Erhaltung und Versicherung der Werke ist jedoch das Museum zuständig. Darüberhinaus haben die Ströhers sich ein Mitspracherecht bei geplanten Ausstellungen ausbedungen. Dem Bonner Museumsdirektor blieb bei der Transaktion nur die Rolle des stillen Beobachters; brav erklärte er am Ende seine Freude über den Zuwachs an Bildmaterial.

Sowohl der Abzug der Sammlung Bock in Frankfurt als auch der Transfer der Sammlung Grothe in Bonn und Duisburg, wo die Stadt ihrem einst hochmögenden Sohn sogar ein eigenes Museum bauen ließ, werfen ein Schlaglicht auf die heutige Verfasstheit der Museen. Ihr Ankaufsetat tendiert gegen null. Das hat zur Folge, dass sich die Häuser mehr und mehr Privatsammlern anvertrauen. Nur von dort kommt Zufuhr frischer Kunst. Dabei wird der Geschmack einzelner Sammler (mithin ihrer Berater und Händler) zum ästhetischen Gradmesser; die Kuratoren geben die Zügel aus der Hand. So verengt sich der öffentliche Auftrag eines Ausstellungshauses auf private Perspektiven und Vorlieben. Die Deutungshoheit, eine wichtige Aufgabe der Häuser, wird leichtfertig verspielt, das Museum zum Durchlauferhitzer.

Ein solcher Fall bahnte sich auch in Nürnberg an; der Direktor des Neuen Museums zog jedoch die Notbremse. Vor drei Jahren hatte der Kölner Galerist Rolf Ricke seine Sammlung von Minimal Kunst nach Nürnberg gegeben. Als bei den Verhandlungen um eine Verlängerung des Leihvertrags ruchbar wurde, dass die Sammlung womöglich ans Frankfurter Museum für Moderne Kunst, ans St. Gallener Kunstmuseum oder Kunstmuseum Liechtenstein verkauft werden sollte, kündigte der empörte Direktor den Vertrag – und sprach öffentlich von „Spekulationsgeschäft“. Außerdem drohte er damit, die Betriebskosten mit täglich 1000 Euro zu berechnen, sollte die Sammlung nicht rechtzeitig abgeholt werden. Die mittlerweile einem Konsortium unter dem Namen Cologne Art Investment Ltd. übertragene Kollektion ist nun auf der Suche nach einer Bleibe, in einem anderen Museum.

Zum Bruch kam es im Sommer auch zwischen dem Neuen Museum in Weimar und dem Berliner Galeristen Paul Maenz. Der zog allerdings seinerseits den Schlussstrich. Enttäuscht darüber, dass seine seit 1999 gezeigte Kollektion nach der glanzvollen Erstpräsentation mit zuletzt nur noch 5000 Besuchern im ganzen Jahr (!) kaum noch Beachtung fand, beorderte er 544 Dauerleihgaben nach Berlin zurück. Weimar bleiben nur noch jene 73 Gemälde und 170 Zeichnungen, die Maenz damals schenkte beziehungsweise der Stiftung Weimarer Klassik und Kunstsammlungen verkaufte. Und noch eine Variante: Der Wolfsburger Kunstmäzen Hans-Joachim Bönsch überwarf sich mit der Stadt Göppingen, bevor seine millionenschwere Sammlung dort überhaupt zu sehen war. Ihm ging der Bau der Museumserweiterung, in dem seine Werke präsentiert werden sollten, nicht schnell genug. Kurz darauf frohlockte Braunschweig als künftige Heimstatt für die abgezogene Sammlung und spricht nun von einem „großzügigen Geschenk“.

Aber diese Gaben sind häufig Danaergeschenke – das ist die Lehre aus dem Jahr 2005. Nur die vertragliche Gleichverteilung von Rechten und Pflichten zwischen Museum und den geschäftstüchtigeren Privatsammlern kann vor Missbrauch schützen. Die Fehler mögen aus einer Zeit resultieren, als das Modell des Public-Private-Partnership noch am Anfang stand. Sie dürfen sich nicht wiederholen, andernfalls droht der Ausverkauf der Institution Museum und ihres Vermittlungsauftrags. Sammlermuseen wie die von Burda in Baden-Baden oder Würth in Künzelsau, in denen der Sammler sein eigenes Haus betreibt, sind eine Rarität. Noch seltener sind jene Kunstliebhaber, die regelmäßig ihre Privaträume öffnen wie Erika Hoffmann in Berlin. In den USA ist das durchaus gängige Praxis. Dort übernehmen die Museen Kollektionen nur bedingungslos als Geschenk. Das Zauberwort „Dauerleihgabe“, mit dem in Deutschland so manches Werk ins Museum kam, um später wieder auf dem Kunstmarkt zu landen, ist dort übrigens unbekannt.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben