Kultur : Gefährliche Liebschaft

Lesen ist Schreiben: warum der Dichter und der Kritiker einander so ähnlich sind – und sich doch ständig streiten/Von Martin Walser

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Meine Erfahrung, meine Lese und meine Schreiberfahrung hat mir vermittelt, dass Lesen und Schreiben einander nicht nur verwandt seien, sondern eine einzige Art Tätigkeit. Jemand, der nicht schreibt, der schreibt seine Bücher lesend.

Das weiß ich seit Jahrzehnten aus Leserbriefen. Die Leser antworten immer mit sich selbst. Mit ihrer ganzen Biografie, mit ihrem ganzen Gefühl, mit ihrem ganzen Dasein, mit ihrem ganzen Selbst. Ein Buch mit den Briefen der Leser ist immer noch einer meiner Wunschträume, Titel: Der Leser hat das Wort. Und er hat, wie man weiß, sogar das letzte Wort. In den allermeisten Briefen wird über das Gelesene nicht geurteilt, es wird geantwortet. Eben mit sich selbst. Und daraus wird nichts so deutlich wie: Jeder Leser liest SEIN Buch. Damit will ich nicht die Verantwortung des Autors abwehren, sondern bezeugen, wie produktiv oder, blumig gesagt, wie schöpferisch Lesen ist.

Leserbrief an Hölderlin

Jetzt würde ich gern behaupten, auch der professionelle Leser gebe, wenn er über Leseerfahrung Auskunft gibt, mindestens so viel Auskunft über sich wie über das Gelesene. Meine Behauptung würde gern gipfeln in dem Satz: Es gibt keine Sekundärliteratur. Auch Gelehrtsein ist zuletzt etwas jeweils Persönliches. Hierher gehört jetzt der Anfang eines Textes des Literaturwissenschaftlers und Slawisten Horst-Jürgen Gerigk. Der Text antwortet unter anderem auf das, was sich vor und beim Erscheinen von „Tod eines Kritikers“ öffentlich genug abgespielt hat. Und so fängt der Text des Wissenschaftlers an: „Gustav Radbruch hat einmal darauf aufmerksam gemacht, dass jede Wissenschaft ihren Ernstfall hat. Der Ernstfall in der Rechtsprechung ist die Rechtsprechung im einzelnen Fall: das Urteil des Richters. Der Ernstfall in der medizinischen Wissenschaft ist die Heilung des Kranken: die Heilung dieses einen Patienten – hier und jetzt. Über die Literaturwissenschaft hat sich Gustav Radbruch nicht geäußert. Deshalb müssen wir nun fragen: Worin besteht der Ernstfall in der Literaturwissenschaft? Antwort: In der Interpretation eines einzelnen Textes: hier und jetzt. Ich denke, diese Antwort wird niemand in Zweifel ziehen. Nur: Was heißt Interpretation?“ Diese Frage beantwortet Horst-Jürgen Gerigk dann mit der Interpretation eines Textes, der gerade im Meinungspulverdampf zu verschwinden drohte.

Literarische Kritik sieht sich nicht in erster Linie als Interpretation. Der Ernstfall der literarischen Kritik will, nehme ich an, näher beim Ernstfall der Rechtswissenschaft sein, also beim Urteil des Richters im einzelnen Fall, hier: des Kunstrichters im einzelnen Fall, also des Kritikers. Oder ist etwa der Ernstfall des Kritikers noch verwandter dem der medizinischen Wissenschaft: „Die Heilung dieses einen Patienten – hier und jetzt?“ Es gibt kritisch hochgemute Vokabulare, die das vermuten lassen.

Und wo gehörte ich hin, wenn ich über Gelesenes geschrieben habe? Ich habe mich im Interpretieren versucht. Kritiker war ich nie. Meine Aufsätze über Autoren der Vergangenheit und der Gegenwart gehörten, wenn sie nicht Interpretationsversuche waren, eher zur Kategorie Leserbrief. Ich habe Hölderlin erzählt, wie ich ihn auf dem Dachboden entdeckt habe und was das für Folgen hatte, und Proust habe ich gestanden, wie seine Genauigkeiten bei mir zu einer Schule der Aufmerksamkeit geworden sind und so weiter. Mein Lesen war, glaube ich, immer unwillkürliche Aneignung. Natürlich hatte ich dann nur zu gern den Eindruck, ich hätte etwas Hölderlin- oder Proust- oder Brecht- oder Schiller- oder Goethewesentliches erfahren, aber ich habe meinen Schilleraufsatz dann eben doch „Mein Schiller“ genannt. Und die Goethe-Erfahrungen hießen dann „Goethes Anziehungskraft“ oder „Hilfe vom Selbsthelfer“. Diese Titel gestehen schon die Tendenz zur Aneignung. Aneignung ein und desselben Autors immer wieder. Hölderlin immer wieder, aber immer wieder anders.

Ich kann nie Recht gehabt haben. Die Unterstreichungen und Randbemerkungen in meinen Wilhelm-Meister-Ausgaben zeigen mir, dass in drei Jahrzehnten Meister-Lektüre sehr von einander verschiedene Aneignungen stattgefunden haben. Zuletzt habe ich im „Wilhelm Meister“ erfahren, wie sich der Anfang bürgerlichen Selbstbewusstseins erzählen ließ genau zu der Zeit, als Jean Paul im „Hesperus“ wagte, das Abenteuer der kleinbürgerlichen Selbstbewusstseinsentwicklung zu erzählen, und genau zu der Zeit, als der Feudalproletarier Fichte in seiner „Wissenschaftslehre“ heroisch versuchte, Selbstbewusstsein more geometrico, also überhaupt ohne gesellschaftliche Bedingung zu produzieren. Und das Ende dieser Leseerfahrung war dann die soundsovielte Lektüre von Kafkas „Schloß“. Bei Goethe die Adelsgesellschaft, die letzten Endes jeden Irrtum Wilhelms zum Guten wendet. Und bei Kafka die Schlossgesellschaft, die jeden Schritt K.s ins Leere laufen lässt.

Das waren die Paten bei meinen eigenen Selbstbewusstseinsabenteuern: der gründlichste Unterricht über die Errungenschaften bürgerlicher Emanzipation beziehungsweise die normale Gemeinheit, mit der die jeweils herrschende weltliche Macht den um sein Selbstbewusstsein Kämpfenden zur Raison bringt. Zu meiner Aneignungspraxis gehört die Illusion, mein Schiller sei Schiller überhaupt, mein Swift sei Swift überhaupt, mein Heine sei Heine überhaupt. Ich bin alles andere als nicht-rechthaberisch. Unter den zur Aneignung nötigen Energien ist diejenige, Recht zu haben, nicht die geringste. Aber dann will ich auch noch darin Recht haben, dass man nicht Recht haben kann. Wenn es um Literatur geht.

Und wenn man sich doch wieder beim Recht-haben-Wollen ertappt, ruft man sich zu: Du willst Recht haben allein um der Liebe willen. Du willst Swift besser verstanden haben, als ihn je jemand verstanden haben kann. Aber diese Anmaßung richtet sich gegen niemanden. Sie soll dir nur die Illusion, ja sogar das unmittelbare Gefühl einer spürbaren Nähe zu diesem unbändigen Kerl verschaffen, zu diesem ungeheuerlichen zarten Wilden anglo-irischer Provenienz. Da gehen Lieben, Genießen, Verehren eine hochzeitliche Verbindung ein. So bei Schiller. So bei Goethe. Aber mit jedem natürlich eine ganz andere, jeweils einzigartige Hochzeit.

Man kann sich wohl nicht mit demselben Gefühl Hölderlin und Goethe nähern. Aber ich muss mich nicht bei Hölderlin entschuldigen, wenn ich mich gerade wieder einmal kurzheftig bei Goethe gewärmt habe. Es spielt dann fast keine, überhaupt keine Rolle mehr, wenn jemand kommt, der seinen Schiller und seinen Goethe meinen Aneignungen vorzieht. Mein Genuss, meine Liebe, meine Verehrung genügen sich selbst, beziehungsweise genügen mir. Wenn auch nie für immer. Lesen ist eben wie Schreiben Selbstbegegnung, Selbstentdeckung, Hallraum unserer Existenz. Ohne diesen Hallraum fühlte ich mich tonlos und taub.

Nun gibt es Lesen nicht mehr ohne Öffentlichkeit. Die mischt den Hallraum der Existenz ganz schön auf. Es war einmal ein Paradies, da lebte ich mit Gedichten, die waren von einem Friedrich Hölderlin. Außer ihm und mir kein Mensch. Jetzt aber nichts mehr ohne Öffentlichkeit. Und schon sind wir mitten im Streit, schon treten welche auf im Namen der Literatur und amten, basteln Hierarchien, stiften Instanzen, fällen Urteile, üben Macht aus. Und es ist die literarisch interessierte, geeichte Öffentlichkeit, in der die Frage: Wessen Buch wird gelesen? eindeutig anders beantwortet wird als bei mir. Der öffentlich Richtende hat in keinem Buch SEIN Buch gelesen, glaubt er. Er besteht darauf, immer das Buch des Autors gelesen zu haben.

Das hat Konsequenzen. Ich gestehe, dass ich selber nie die Fähigkeit hatte, ein Mitarbeiter DIESER Öffentlichkeit zu werden. Obwohl ich auch schon gerade Erscheinendes gelesen habe, war ich niemals fähig, über etwas Literarisches zu schreiben, wenn es mich nicht für sich eingenommen hatte. Erst wenn ich mich eingenommen fühlte, habe ich meine Eingenommenheit buchstabieren können. Wenn mir ein Buch nicht zusagt, kann ich es nicht einmal lesen. Das klingt luxuriös. Aber so habe ich doch angefangen, im Paradies, Bücher zur Hand genommen noch und noch, aber gelesen nur, wenn sie mir zugesagt haben. Ich kann auch jetzt noch sagen: Wenn ein Buch mir nicht zusagt, kann ich nichts damit anfangen.

Alfred Kerr, ungerührt

Ich glaube, dass ich mit dieser Beschränktheit in den Reihen der Interpreten noch eher figurieren könnte, keinesfalls aber in denen der kritischen Branche. Im Alltag der Kritik darf es keine Rolle spielen, ob der, der schreibt, mit dem Gelesenen etwas anfangen kann. Auf die Spitze getrieben, heißt das: Gerade dass jemand nichts anfangen kann mit einem Buch, macht ihn zum idealen Kritiker. Und die wichtigste Voraussetzung dafür ist eben die geeichte Öffentlichkeit. Den kritischen Sätzen beziehungsweise Sprachgesten ist anzumerken, dass sie vor einer, in einer ganz bestimmten Öffentlichkeit stattfinden.

Angefangen hat das vielleicht mit der streng bürgerlich formierten Öffentlichkeit Anfang des letzten Jahrhunderts. Ein Beispiel. Alfred Kerr in der Zeitschrift „Pan“ anno 1913. Gegenstand: „Der Tod in Venedig“ von Thomas Mann, gerade erschienen. Ich zitiere Kerrsche Sprachgesten: „...ich finde hier einen verhüllten Kitschling ...Wenig Blut und viel Haltung. Schwaches Deutsch...alles im Grunde musiklos...schleichend geschoben ...alles zusammengedrockst. Das gebackne Maß der Anständigkeit...mit sympathischem Selbstbeklopfen für die Gebildeten. Bemerkenswert, dass er so oft Angaben über einen Dichter macht; ohne just ein solcher zu sein...“ Dann kommt ein Textbeleg, so eingeleitet: „Lesen Sie die Schilderung der adriatischen Stadt – auch das ist...schwer zu unterbieten.“ Es folgt, wie Venedig auf Thomas Manns Aschenbach wirkt, wenn der sich der Stadt von der Seeseite her nähert. Die Postkartenmotive der Stadt tauchen auf, und die sind tatsächlich als Prosa nicht extra attraktiv; aber es kommt auch so etwas – auch im Kerr’schen Zitat – vor: Er „bedachte, daß zu Lande, auf dem Bahnhof in Venedig anlangen einen Palast durch die Hintertür betreten heiße...“ Mich versöhnt dieses Detail vollkommen mit der vorangehenden Häufung der bekannten Motive.

Gut, Alfred Kerr konnte mit Gustav Aschenbach nichts anfangen, die steifleinene Kulturfigur, die in eine sie bis in den Grund hinein erschütternde Liebesprüfung gerät, hat ihn kein bisschen gerührt. Ich weiß nicht, warum Alfred Kerr von dieser Fasttragödie unberührbar war, ich sehe nur, dass jemand, der so wenig anfangen kann mit einem Buch, offenbar keine andere Möglichkeit hat, als dies dem Buch anzulasten.

Allerdings – und das macht die Kritik zum Genre oder zur Gattung – liest die geeichte Öffentlichkeit den Kritiker mindestens so gern wie den Autor. Das Demiurgisch-Maßgebende, das Autoritative, die Witze, das geistreiche Abfertigen, das liest man gern, weil man sich dabei auf die geistigen Schenkel schlagen kann. Das rührend Schöne bei dieser kritischen Darbietung vor einer geeichten Öffentlichkeit: dass hier als sicher gilt, das Buch, über das geschrieben wird, sei das Buch des Autors. Jeder könnte natürlich am blitzend selbstherrlichen Wortgeschmeide des Kritikers sehen, dass diese Wörter nicht gelten können für Thomas Manns Leidens-Buch, sondern für SEIN Buch, das des Kritikers. Dass die Fiktion, es werde da über das Buch des Autors geschrieben, in der literarischen Szene unverbrüchlich aufrechterhalten wird, kann nur heißen, dass alle, auch die Autoren, diese Fiktion nicht entbehren können. Die Fiktion, dass geurteilt werde über das Buch eines Autors. Also: Der Ernstfall des Kritikers: das Urteil über das Buch hier und jetzt.

Diese Fiktion ist als Legitimiergewähr nicht zu entbehren. So wenig der Pfarrer die mit Gott bezeichnete Fiktion entbehren kann, so wenig der Politiker die Gerechtigkeitsfiktion entbehren kann, so wenig der in den Medien tätige Intellektuelle die Medienethikfiktion entbehren kann. Damit ist auch das literarische Reden und Schreiben über Literarisches auf das Schönste aufgenommen in unsere Kultur- und Sprachwelt, denn alles, was mit der Sprache gemacht wird, ist nun einmal Verwaltung des Nichts. Was wäre das Nichts ohne Fiktion! Es wäre das reine Nichts. Und da sei Gott vor.

Die (hier geringfügig gekürzte) Dankesrede hielt Martin Walser anlässlich der Auszeichnung mit dem vom Hoffmann und Campe Verlag erstmals verliehenen „Preis der Kritik“ am vergangenen Freitag in Frankfurt/Main.

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