Kultur : Gefährliche Liebschaften

Wenn sich das Kino der Politik verschreibt: Halbzeit beim 55. Filmfest von Locarno

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Von Christiane Peitz

Arundhati Roy sagt einfache Sätze: „Wir müssen die Welt den Experten entreißen.“ Und auch die Frage nach der Qualität politischer Kunst beantwortet sie kurz und bündig: „There is no excuse for bad art – es gibt keine Entschuldigung für schlechte Kunst." Die indische Schriftstellerin und politische Essayistin, die seit dem 11. September durch ihre Kritik an Amerikas Antiterror-Krieg Furore gemacht hat, sitzt im Open-Air-Forum der Filmfestspiele von Locarno – dem neuen, luftigen, zeltdachbewehrten Treffpunkt zwischen den zu Kinos umfunktionierten Mehrzweckhallen am Rande der Altstadt – und gibt bereitwillig Auskunft. Einmal mehr protestiert sie gegen Indiens Atombombe und gegen den Bau des Narmada-Staudamms; ihr Staudamm-Dokumentarfilm ist in einer Nebenreihe zu sehen.

Wie die Berlinale und wie Cannes öffnet sich auch das Publikumsfestival am Lago Maggiore 2002 der Debatte über Kunst und Gesellschaft im Zeitalter der Globalisierung: Lord Ralf Dahrendorf diskutiert über Europa, Antonio Tabucchi und Martin Suter treten auf, Harald Szeemann, ehemaliger Leiter der Kunstbiennale Venedig, präsentiert Video-Installationen von Shirin Neshat und anderen.

Ein bisschen Documenta also, mitten in der seit der Swissair-Pleite keineswegs mehr so gefestigt neutralen Schweiz. Während Festivalchefin Irene Bignardi stolz auf die diesjährige Präsentation ferner Filmwelt-Gegenden wie Indien (Retrospektive) und Afghanistan (die Kinemathek von Kabul lädt am kommenden Sonntag zum Afghanistan-Tag) verweist, tragen die Jugendlichen auf der Strandpromenade knallrote T-Shirts mit dem Kreuz der Schweizer Nationalflagge darauf. Und in den Designer-Läden an der Piazza werden Taschen aus gebrauchten Armee-Wolldecken verkauft: das halb ernste, halb ironische Spiel mit dem Patriotismus als modisches Accessoire.

Und die Filmemacher? Erkunden Algerien, Iran, den Nahen Osten, die Balkanregion. Dabei muss die Zuschauerin nicht selten an Roys Satz von der schlechten Kunst denken, etwa wenn Österreichs Autorenfilmer, darunter Ulrich Seidl und Barbara Albert, Jörg-Haider-Wähler befragen und Stammtisch-Ansichten zu Tage befördern. Der Episodenfilm „Zur Lage“ irritiert höchstens dann, wenn auch noch ein langhaariger Sponti Sympathien für Hitlers völkische Politik entwickelt.

Die Wienerin Andrea Maria Dusl ist da schon neugieriger; sie hat sich nach dem Fall des Eisernen Vorhangs auf den Weg Richtung Osten gemacht. In „Blue Moon“ schickt sie Josef Hader und Detlev Buck auf der Suche nach einer mysteriösen Ukrainerin in die Länder des ehemaligen Warschauer Pakts, über Lemberg bis nach Odessa, zur berühmten Treppe aus Eisensteins „Panzerkreuzer Potemkin". Kleine Gangster irren durch einen veritablen Eastern, eine lakonische, mitunter amüsante Odyssee durch einen nahen, fernen Kontinent. Die Hässlichkeit der Plattenbauten wird nicht vorgeführt, sondern aus dem Augenwinkel wahrgenommen: als trotzige Manifestation des Überlebens in unsicheren Zeiten.

Eigensinnige Heldinnen

Der Münchner Fotograf und Filmemacher Heiner Stadler ("Warshots") nähert sich in „Essen, Schlafen, keine Frauen“ dem 7. Oktober 2001, jenem Tag, an dem die Amerikaner Afghanistan bombardierten. Ein Dokument der Gleichzeitigkeit: Während in den CNN-News grüne Leuchtkugeln die Nacht über Kabul erhellen, fürchtet der pakistanische Kinoplakat-Maler Yousef um seinen Job, denn die Taliban-Anhänger setzen die Filmtheater als Höhlen des imperialistischen Teufels in Brand. Derweil freuen sich die Goldgräber in Brasilien über den Börsencrash, der Saxophon-Spieler in der Pariser Metro hat Krach mit seiner Freundin, und in Rom nimmt der Papst sieben Seligsprechungen vor.

Kino als die Kunst zu zeigen, was die Welt im Innersten zusammenhält – und die Kamera sammelt Beweise für die Chaostheorie. Das Problem dabei: Heiner Stadler suggeriert, er sei an diesem Tag auf dem ganzen Globus simultan unterwegs gewesen, alles sehend, alles begreifend. So bleibt „Essen, Schlafen, keine Frauen“ eine wohlfeile Etüde, die die Ruinen von Kabul zur Kulisse reduziert: noch mehr footage als Mittel zum selbstgefälligen Zweck.

Politik und Kino, eine liaison dangereuse. Vielleicht muss man die Welt ja vergessen, um sie entdecken zu können. Gewiss ist es kein Zufall, dass die Halbzeit-Bilanz des Filmfests Locarno vor allem durch die vermeintlich privaten Frauengeschichten im Wettbewerb aufgebessert wird. Lauter eigensinnige Heldinnen: sei es „Sophiiiie!“ von Michael Hoffmann oder „Meisje/Mädchen“ von Dorothée Van den Berghe aus Brüssel, sei es das argentinische Frauen-Trio in Diego Lermans „Tan de Repente“ oder ihr amerikanisches Pendant in „Personal Velocity“ von Rebecca Miller, der Tochter Arthur Millers. Die Liebe im Zeitalter von Gewalt und Entfremdung; von diesen Geschichten wird zum Ende des Festivals noch die Rede sein müssen.

Sydney Pollack, dem auf der mittelalterlichen Piazza der Ehrenleopard verliehen wurde, hat sich in seinen Filmen um Politik nie geschert. Aber „Mann trifft Frau“, erklärt er anlässlich der Preisverleihung, das sei allemal eine gesellschaftliche Angelegenheit. „Wenn er sich eine Zigarette anzündet und sie Nichtraucherin ist, ist das eine politische Situation." Nein, es gibt keine Entschuldigung für schlechte Kunst. Bloß kein Manifest, insistiert auch Arundhati Roy. Wenn sie sich ereifert, dann im weichen, eleganten Englisch der Inder. Die Geschichten werden uns überleben, sagt sie am Ende noch, und ihre Hände vollführen tänzerische Gesten dabei. Sie erzählt, dass sie den n des Staudamm-Flusses in ihrem Roman „Der Gott der kleinen Dinge“ auch auf Drängen ihrer Mutter hin nicht verändert habe. Sie wollte, dass der reale Fluss in der Fiktion aufbewahrt bleibt. Mehr noch als der Welt sei die Kunst der Schönheit verbunden, deshalb habe sie die Pflicht, immer auch unverantwortlich zu sein. Eine fragile, schöne junge Frau lehrt uns Mores, umsonst und draußen in Locarno. Wer Augen im Kopf hat, vergisst diese Szene nicht mehr. Das politische Kino hat es nicht leicht, es mit ihr aufzunehmen.

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