Kultur : Gefährliche Liedschaften

Lover der leisen Töne: Der Tenor Ramon Vargas kommt nach Berlin

Frederik Hanssen

Die Erinnerung ist schon etwas verblasst: Es war wohl Ende Februar 1995, ein herrlicher Vorfrühlingstag in Genua. Trotz des strahlenden Sonnenscheins sollte es unbedingt die Nachmittagsvorstellung von Donizettis „Liebestrank“ im Teatro Carlo Felice sein – schon der verrückten Architektur wegen. Aldo Rossi hatte das klassizistische Haus wenige Jahre zuvor postmodern-putzig umgebaut, den Zuschauerraum als Piazza gestaltet, mit unechten Hausfassaden, Fensterchen und Balkonen. Dann aber fesselte ein junger Mann die ganze Aufmerksamkeit, der seinen Liebeskummer so Mitleid erregend auf der Bühne auslebte.

„Ja, das war ich“, sagt Ramon Vargas. „Am Anfang meiner Karriere in Europa bin ich viel in Italien aufgetreten.“ Den Nemorino aus dem „Liebestrank“ singt er noch heute, obwohl er sich längst auch die großen, schweren Rollen des Fachs wie Verdis Don Carlos erobert hat. An der Berliner Staatsoper war Ramon Vargas im Juli in Percy Adlons bonbonbunter Inszenierung des Donizetti-Dauerbrenners zu erleben: ein kleiner, pummeliger Kerl im Ringelpulli, der dank alkoholischer Mutmacher schließlich doch noch seine Adina bekommt.

Vargas gab den verliebten Teenie nicht so lachmuskelreizend-clownesk wie sein mexikanischer Landsmann Rolando Villazon, der Berliner Premieren-Nemorino – das entspräche auch nicht seinem Temperament. Vargas ist ruhiger, eher ein sentimentaler Träumer, kein extrovertierter latin lover. In dem eleganten Apartement an der Friedrichstraße, das ihm die Staatsoper für sein Gastspiel gemietet hat, begegnet man einem uneitlen, unprätentiösen Menschen von altmodischer Höflichkeit, der auch männliche Besucher zum Fahrstuhl begleitet.

Dem 1959 geborenen Mexikaner hat es gut getan, dass er nicht sofort zum Shootingstar für Promi-Magazine gepusht wurde, sondern künstlerisch langsam wachsen konnte. Nach der Ausbildung in der Heimat suchte er, wie viele südamerikanische Sänger, sein Glück in Europa, gewann 1986 den Enrico-Caruso-Wettbewerb in Mailand, wurde ins Nachwuchsprogramm der Wiener Staatsoper aufgenommen und wurde 1988 vom Luerner Stadttheater engagiert.

In der Schweiz arbeitete er sich durch das Repertoire – und lernte hervorragend Deutsch. Auch den Tamino aus Mozarts „Zauberflöte“ hat er damals gesungen, doch eigentlich ist er ein typischer tenore di grazia, mit leicht ansprechenden hohen Tönen, geschmeidiger Phrasierung und zartem Schmelz. Für das italienische Fach, aber auch für französische Opern ist seine Stimme bestens geeignet, mit dem „Barbiere“-Almaviva, dem „Rigoletto“- Herzog, Massenets „Werther“ und nicht zuletzt dem „Liebestrank“-Nemorino gastierte er bald an den ganz großen europäischen Opernhäusern. Claudio Abbado, der intelligente Sänger mit elegant geführten Stimmen schätzt, holte ihn 2001 für einen konzertanten „Falstaff“ erstmals nach Berlin. Im Jahr darauf war er der Star des „Classic open air“ auf dem Gendarmenmarkt.

Wenn Ramon Vargas am Sonnabend zusammen mit der amerikanischen Starsopranistin Renée Fleming zur „Italienischen Nacht“ in die Waldbühne lädt, wird das eine echte Herausforderung für die Tontechniker. Denn beide Künstler werden als Spezialisten des Pianissimo geschätzt. Niemals lässt sich Vargas zum Brüllen verleiten: Als er am Londoner Covent Garden auf einen Dirigenten traf, der es bei Puccinis „Bohème“ so richtig krachen ließ, blieb der Tenor bei seiner fein gearbeiteten Interpretation des Rodolfo – und nahm es in Kauf, immer wieder vom Orchester übertönt zu werden.

„Ich habe in den letzten Jahren zu viele Talente vor der Zeit verglühen sehen“, erklärt er seinen Kurs. „Auch wenn es mir schwer fiel, habe ich gerade den Don José in der ,Carmen’ abgesagt. Den Vertrag hatte ich vor vier Jahren gemacht, als ich glaubte, dann so weit zu sein. Aber ich fühle mich in der Partie noch nicht wohl, darum singe ich sie auch noch nicht.“

Mit Freiluftauftritten hat Ramon Vargas kein Problem – da ist er ganz Sänger des 21. Jahrhunderts. Er weiß, dass die ganz große Popularität nur erreichen kann, wer neben der seriösen Bühnenkarriere auch bei Events präsent ist. „Schließlich ist so ein Openair etwas ganz anderes als eine Opernaufführung: eben eine Fiesta mit klassischer Musik.“

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