Kultur : Gefährliche Musik

ULRICH CLEWING

Es war im September des Jahres 1962, als das beschauliche Wiesbaden, genauer: der Hörsaal des dortigen städtischen Museums, zum Schauplatz eines ganz besonderen Kunstereignisses wurde.Angekündigt waren Internationale Festspiele neuester Musik, wobei der Zusatz im Titel hätte stutzig machen müssen.Nur ein Wort stand da: Fluxus.Und so war es auch.Musik im traditionellen Sinn spielte keine Rolle.Statt dessen wurde ein Konzertflügel auf der Bühne zerhackt - was ja auch den ein oder anderen Klang erzeugt.Kurzum: die hessische Landeshauptstadt erlebte damals einen richtigen schönen Skandal.Und die Geburtsstunde einer Kunstrichtung, die alles mögliche sein wollte, nur keine Kunstrichtung.

Fluxus-Künstler konnte eigentlich jeder sein, vorausgesetzt er hatte Sinn für den (Un-)Sinn von Flux.Fluxus war eine Art, sein Leben zu gestalten.Fluxus-Künstler verschickten Kunst als Briefe und Briefe als Kunst, sie komponierten Musikstücke ohne Instrumente oder schoren sich vor versammeltem Publikum schlicht und einfach die Haare und deklarierten das als Performance.Diese 1963 erstmals aufgeführte Haarschneideshow war eine Idee des 1938 geborenen Engländers Dick Higgins und seiner Frau Alison Knowles, ihr Titel: "Dangerous Music No.17".

Higgins hatte 1958/59 bei John Cage an der New York School for Social Research studiert.Ein folgenreiches Intermezzo, einmal, weil ihn der Lehrer Cage stark anregte, zum anderen traf Higgins in dem Kurs Mitstudenten wie Al Hansen, Allan Kaprow und George Brecht.Alles Leute, mit denen Higgins nicht nur drei Jahre darauf Wiesbaden in Aufruhr versetzte, sondern auch - mit Unterbrechungen - die folgenden Jahrzehnte zusammenarbeiten sollte.Später steckte der Industriellensohn auf Abwegen seine Energie in die Publikation von Büchern, zuerst bei der Something Else Press, einem Verlag, den er 1964 gegründet hatte, dann bei den Unpublished Editions, die 1978 ihren Namen wahrheitsgemäß in Printed Editions änderten.Auch widmete er sich der Produktion von Hörspielen und übernahm, wenn auch nur für kurze Zeit, Lehraufträge an verschiedenen Universitäten in den USA.

Vor kurzem war Dick Higgins Gast bei einem Kunstkongreß im kanadischen Quebec.Dort wollte er noch einmal sein Werk "Dangerous Music No.2" zu Gehör bringen.Das Stück lebt davon, daß der Sänger, in dem Fall Higgins selbst, so lang so laut wie möglich schreit - mehr nicht.Für Higgins war es mehr als genug.Er erlitt während der Aufführung einen Herzinfarkt und starb.Auf der Stelle, wie es heißt.

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