Kultur : Gefährliche Trommeln

Der Weltmusiker Burhan Öçal ist in Istanbul ein Star. Zum „Simdi-Now“-Festival kommt er nach Berlin

Daniela Sannwald

Im Café Armani in Maçka, einem gepflegten Istanbuler Stadtteil auf der europäischen Seite, ist der Fußboden schiefergrau gefliest. Weiße Segeltuchmarkisen überspannen den begrünten Innenhof, die Kellner tragen T-Shirts mit Armani-Emblem und servieren den Tee mit dem Beutel neben der Tasse. Das gilt hier als ganz besonders schick, in einem Land, in dem die mit hasenblutfarbigem Gebräu gefüllten, taillierten Teegläschen allgegenwärtig sind.

Honig aber gibt es im Café Armani nicht. Und Burhan Öçal möchte Honig. Sein Magen brennt. „Wir haben Zucker“, sagt der Kellner, lächelt verlegen und verschwindet. „Was soll das, Zucker?“, sagt Öçal, während er auf dem Tisch herumtrommelt, „ich habe große Teile meines Lebens in Kaffeehäusern verbracht, und überall gab es Honig, das ist doch ganz einfach – bloß hier nicht.“ Seinen Ärger vertont er mit schnell aufeinander folgenden, dumpfen Schlägen auf das Tischtuch.

Burhan Öçals sehnige, langfingrige Hände sind ständig in Bewegung, und das seit mehr als 40 Jahren. Seit der kleine Burhan mit dem Trommeln anfing. Das hatte er sich in seinem thrakischen Geburtsort, der Kleinstadt Kirklareli, 150 Kilometer westlich von Istanbul, bei den Roma abgeguckt. Die zogen während des Fastenmonats Ramadan mit großen Pauken durch die Straßen, um die Leute ans Fasten zu erinnern. Das gefiel Burhan. Er begann, das Schlagzeug seines Vaters zu erkunden.

„,Pscht, machte meine Mutter: ‚Willst du ein Zigeuner werden?’“, erinnert sich Burhan Öçal. Dann habe er so lange Terror gemacht, bis er schließlich, bumbumbum, eine Handpauke bekam. Seine Mutter, die aus Thessaloniki stammt, wünschte sich lange, dass er politische Wissenschaften studieren und ein zweiter Atatürk werden sollte. Aber sein Vater, der nebenbei in einem Dixieland-Quartett am Schlagzeug saß, merkte: „Es ist zu spät, der wird Trommler“. Seitdem traktiert Öçal Trommelfelle. Zu Hause lief traditionelle türkische und europäische klassische Musik. Burhan saugte alles auf. Er kennt, liebt, lebt Musik, er ist Musik. „Alles, was ich heute kann, habe ich mir selbst beigebracht. Ich habe in den Cafés und bei Hochzeiten den Roma-Musikern gelauscht. In dem Kino, das mein Vater besaß, den amerikanischen und italienischen Filmmusiken.“

Und Burhan kann eine ganze Menge, mit den Händen, Handflächen, Fingern, mit seinen Knöcheln, mit Sticks. Er spielt die Darbouka, eine vasenförmige Fingertrommel, und die kesselpaukenartige Kös, außerdem Saiteninstrumente wie die dickbauchige Saz, die metallisch klingende Tanbur und die lautenähnliche Oud. Gelegentlich singt er sogar, aber eigentlich versteht er sich als Instrumentalist und Komponist. Seit einigen Jahren verkehrt er in der World-Musikszene, und auch als Zigeunermusiker hat man ihn, der die Trakya All Stars ins Leben rief, schon bezeichnet. Aber das sind für ihn nur Etiketten.

„Ich spiele keinen Stil, ich bin Burhan. Allerdings liebe ich die Musik der Roma. Ich habe, um die Band zu formieren, überall in Istanbul und Thrakien Musiker gesucht. Musik spielen ist leicht, das kann jeder, aber Musik machen – dafür braucht man schon 40 Jahre Erfahrung“, lächelt er. „Bei den Zigeunern gibt es verrückte, wilde Musiker, die mich begeistern, jetzt habe ich vier, fünf geniale Virtuosen.“

Richtig bekannt geworden ist Burhan Öçal in Westeuropa erst Mitte der Neunzigerjahre. 1977 war er nach Zürich gegangen, weil er sich in eine Schweizer Sängerin und Pianistin verliebt und sie geheiratet hatte. Aber damals konnte man mit seiner Musik nicht viel anfangen. Öçal gründete sein Oriental Ensemble, gewann Kritikerpreise, spielte mit bekannten Jazz- und Popmusikern wie George Gruntz und Jamaladeen Tacuma, tourte schließlich durch die USA und Kanada, trat beim Istanbuler Jazz Festival zusammen mit Sting auf. „Ich habe mir damals keine Gedanken über meine Karriere gemacht“, erzählt Burhan Öçal, „die Schweiz war das Schokoladenland für mich.“

Obwohl man ihn jetzt in ganz Thrakien kennt, traue sich längst nicht jeder dieser Musiker, mit ihm zu spielen. Er sei eben Perfektionist. „Nur auf der Bühne erkennt man, ob jemand Talent hat. Gott kann das geben, aber man muss trotzdem üben. Da bin ich konservativ. Ein Musiker muss virtuos sein oder sich zumindest in der Harmonielehre auskennen. Wenn er beides nicht hat, kann er Geschäfte machen, aber keine Musik.“ Als Künstler sei man polyglott: Vermittler, Botschafter, Architekt, Brückenbauer. Klangmaler, Politiker, Priester, Übersetzer.

Viel wissen, gut sein, schuften: Leitsätze eines Traditionalisten. Burhan Öçal hat noch nie Urlaub gemacht, sagt er, und misstraut den braun gebrannten, gepflegten Popstars . Ein Star ist er allerdings selber. Öçal beschäftigt Chauffeur und Leibwächter. Zu zahlreich seien seine weiblichen Fans, und deren Freunde könnten vor Eifersucht schnell mal eine Schusswaffe ziehen. „Den Bodyguard habe ich höchstens zwei- oder dreimal wirklich gebraucht.“ Aber in Istanbul muss man eben mit allem rechnen.

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