Kultur : "Gefängnisbilder": Täter und Täter

Christiane Peitz

Die Filmemacherin Aelrun Goette hat in der Strafanstalt Plötzensee als Vollzugsbetreuerin gearbeitet. Dort beklagte sich eine 15-jährige Mörderin darüber, dass beim Prozess die Presse nicht zugelassen war. Sie wollte Publicity. Timothy McVeigh, der Attentäter von Oklahoma, der am 16. Mai in Indiana hingerichtet werden soll, besteht darauf, dass seine Hinrichtung im Fernsehen übertragen wird. Auch er will ein Publikum.

Der echte Tod: ein Snuff-Video, das letzte Tabu. In dem Maß, in dem sich die Entertainment-Industrie via Container-Fernsehen und Reality-Show der Wirklichkeit bemächtigt, wird die Position der Kamera als öffentliches Auge immer prekärer: Ist sie Zeuge oder Täter? Fragen für ein Filmgespräch in der Akademie der Künste mit Aelrun Goette, dem Filmemacher Harun Farocki und dem Filmkritker Bert Rebhandl. Farocki zeigte seinen Dokumentarfilm "Gefängnisbilder": eine verstörende Montage historischer und aktueller Gefängnisszenen, Filmauschnitte von Jean Genet oder Robert Bresson, Aufzeichungen von Überwachungskameras in Hochsicherheitstrakten.

Rebhandl nennt "Gefängnisbilder" ein "melancholisches Traktat über den Status des Gefangenseins". Was ist der Mensch, wenn er seiner Funktionen entkleidet ist, wenn sich seine Identität ausschließlich in seiner Leiblichkeit manifestiert? Die Gefangene in Plötzensee, der Oklahoma-Bomber: Sie beharren auf der Freiheit der Entscheidung, wann sie gesehen werden wollen und wann nicht. In Farockis Film verbarrikadieren die Häftlinge ihre Zellentür vor den kontrollierenden Blicken der Wärter. Und wenn sie vor den Augen der Überwachungskameras kämpfen, wohl wissend, dass sie ihre eigene Erschießung riskieren, bestehen sie auf die Möglichkeit des Heldentums.Farocki entdeckt das Gefängnis als den Ort, an dem die Mediengesellschaft ihre eigene Beschränktheit infragestellt. Auch in "Gefängnisbilder" gibt es einen "echten Tod": Ein Wächter erschießt einen Gefangenen bei einer Schlägerei auf dem Hof. Ein unscharfes Video aus großer Entfernung, ein unendlich nüchternes Bild. Es taugt nicht einmal zur Allegorie. Im Gegenteil: Es hat schützende Wirkung. Die Veröffentlichung der Aufzeichnungen durch eine Bürgerrechtsbewegung hatte zur Folge, dass die Wärter keine Schusswaffen mehr tragen. Stattdessen wurden Wasserwerfer auf die Überwachungskameras montiert: Bei einer Schlägerei werden die Gefangenen mit Wasser beschossen. Ja, die Kamera ist eine Waffe - ohne tödliche Folgen.

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