Kultur : Gefallene Türme, abgeräumte Geschichte

Alles schaut auf Bagdad und seine Kunstschätze. Aber mehr als 10000 archäologische Stätten auf dem Land sind den Plünderern schutzlos ausgesetzt

Christine-Felice Röhrs

Bagger. Oder Raupen. Oder irgendetwas anderes mit scharfen Schaufeln. Das ist der Albtraum der Archäologen. Dass Plünderer jetzt ungehindert mit schwerem Gerät über antike Siedlungen donnern können, dass sie tiefe Furchen reißen und hinterher aufsammeln, was die Erde preisgegeben hat.

Die Diebe finden ein weites Feld vor. Die Antikenverwaltung in Bagdad führt mehr als 10 000 archäologische Fundstellen in ihren Büchern, sagt McGuire Gibson, Leiter des Oriental Institute an der Chicagoer Universität. Er war es, der vor dem Krieg im Auftrag des Archaeological Institute of America eine Liste von über 5000 historischen Stätten hatte zusammenstellen und dem Pentagon zukommen lassen. Doch die Anzahl der tatsächlichen, also auch der noch unentdeckten Fundstellen wird weit höher sein, glaubt Gibson. Nur 15 Prozent des Irak seien bisher archäologisch erfasst. Jeder Hügel, Tell genannt, könnte ein Hinweis auf eine Jahrtausende alte Siedlung sein. Denn alle 80 bis 100 Jahre hatten die aus Lehmziegeln gebauten Orte erneuert werden müssen. Man ebnete sie ein und baute eine neue Schicht obendrauf.

Die meisten großen antiken Städte sind jedoch gefunden, und sie stehen ganz oben auf den Listen der besorgten Archäologen. Die ältesten im Süden des Landes sind Uruk und Eridu, sie stammen aus dem vierten Jahrtausend vor Christus. Etwas jünger ist Ur, die Stadt Abrahams. Auch Babylon liegt im Süden. Seine Zeit beginnt mit Hammurabis Herrschaft im zweiten Jahrtausend vor Christus und endet mit Nebukadnezar, der Jerusalem zerstörte. Etwa zur Zeit der Römer entstand im Süden eine weitere Großstadt: das parthische Hatra, das die Unesco zum Weltkulturerbe erklärt hat. In Mittelbabylonien gehört Samarra zu den bedeutendsten Städten. Und im Norden liegt der Ursprung der Assyrer, die ein Reich regierten wie nie ein Volk zuvor. Assyriens Hauptstädte waren Assur, Nimrud, Horsabad und Ninive. Der letzte große König, Assurbanipal, legte in Ninive eine riesige Bibliothek aus Tontafeln an, unter denen sich auch das Gilgamesch-Epos fand.

Die Assyrer waren schreibfreudig. Und genau das könnte ihren alten Stätten nun zum Verhängnis werden, fürchtet der Heidelberger Archäologe Peter Miglus, der die Grabungslizenz für Assur besitzt. Allein diese Stadt, die erst zu einem Viertel freigelegt ist, verheißt allen, die illegal graben, reiche Beute. Hier wurden auch in Privathäusern kleine Archive geführt mit Rechtsurkunden oder Briefen – vor allem in der Zeit kurz vor der Zerstörung im Jahr 614 vor Christus. Dementsprechend weit oben liegt diese Schicht. Mit Baggern ist sie leicht erreichbar.

Bei Sammlern sind solche Schrifttafeln besonders beliebt, und auch jene zylindrischen Rollsiegel, mit denen die Schreiber ihr Zeichen oder sogar fortlaufende Szenen in den Ton prägten. Für sie sei ab 1000 Dollar jeder Preis denkbar, sagt Miglus. Ingesamt, so schätzen Experten, geben Sammler im Jahr bis zu drei Milliarden Dollar für geraubte Kunst aus.

Dass niemand die illegalen Funde zuordnen kann, macht es Dieben und Käufern noch leichter. Wer soll bei unbekannten Stücken schon wissen, wann und wo sie gefunden wurden? „Wenn Exponate aus dem Museum auftauchen“, sagt Peter Miglus, „besteht die Chance, dass man sie anhand der Publikationen erkennt. Aber Frischfunde werden meist erfolgreich als Teile alter Sammlungen getarnt, aus der Zeit vor 1935, als es noch kein scharfes Ausfuhrverbot für Antiken gab.“

Plünderungen nach Ende der bewaffneten Auseinandersetzungen, das ist die größte Bedrohung für historische Stätten. In Nimrud zum Beispiel waren nach dem Golfkrieg Reliefs aus dem assyrischen Palast herausgerissen worden. Und weil der Antikenverwaltung damals die verbliebenen Autos weggenommen und wichtigeren Ämtern zur Verfügung gestellt wurden, waren Kontrollfahrten fast unmöglich und die Raubgrabungen setzten sich noch bis Mitte der 90er Jahre fort. Im Krieg selbst jedoch, sagt Peter Miglus, seien die Schäden eher zufällig. Gefährdet waren historische Orte nur dann, wenn die Iraker auf den Tells Militär stationiert hatten – diese Siedlungshügel sind im Land, das in weiten Teilen sonst flach ist wie eine Tischplatte, ein strategischer Vorteil.

Im jetzigen Irak-Krieg traf das zum Beispiel für Ninive zu. Dort gab es einen Stützpunkt oberhalb des Palastes von König Sanherib. Außerdem besteht die Möglichkeit, dass bei Bombardements die Ruinen von Babylon beschädigt wurden, denn dort hatte Sadam Hussein in den Neunzigerjahren einen Palast errichten lassen. Kenner machen sich ebenfalls Sorgen um den fragilen Ziegelbogen von Ktesiphon, einer Partherstadt südlich von Bagdad. Im Golfkrieg waren dort schon Schützengräben ausgehoben worden, was zu Rissen im Bauwerk geführt hatte. Nun soll die irakische Armee hier Fahrzeuge verborgen haben. Ob die Alliierten darauf geschossen haben, ist jedoch noch genauso unbekannt wie die Lage in Ninive und das Gesamtausmaß der Schäden.

Ob und wo es noch Wächter gibt, gehört ebenfalls zum Ratespiel. Helga Trenkwalder, österreichische Grabungsleiterin in Borsippa südlich von Babylon, ist noch Mitte März in den Irak gereist, um mit dem Scheich eine Bewachung auszuhandeln. „Eigentlich sollten sechs Wächter im Turnus um das Gelände kreisen. Aber vielleicht beschützen sie derzeit lieber ihre eigenen Häuser“, sagt sie.

Über zwei Quadratkilometer groß ist Trenkwalders Ausgrabungsfläche – und „praktisch überall lassen sich Tontafeln aus der Erde ziehen“, sagt die Archäologin. „Die Iraker kennen doch ihr Land. Sie wissen: Wenn oben Scherben liegen, dann ist drunter oft noch mehr, die gesamte irakische Erde ist Geschichte.“ Doch das ist nicht die einzige Sorge. Auf dem Areal erhebt sich auch die 50 Meter hohe Ruine eines Stufenturms. Trenkwalder betreibt an ihm Bauforschung, denn Nebukadnezar II. hatte diesen Turm offenbar ebenso konzipiert wie den in Babel, von dem aber nur noch wenig übrig ist. Ob die Ruine unversehrt ist, weiß Trenkwalder nicht. Keine Anhöhe ist sicher, das ist eine Lehre aus dem ersten Krieg: Damals hatten Schüsse auch den Tempelturm von Ur getroffen.

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