Kultur : Gefallener Engel

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Vielleicht ist Mary Gauthier (sprich Go-schäi) die musikalische Entdeckung des Jahres. Im Januar spielte sie noch im Vorprogramm der Walkabouts, machte neugierig auf ihre beiden vorzüglichen Alben „Drag Queens In Limousines“ und „Filth & Fire“ und zog einen nun endlich in den Magnet zu ihrem ersten Berliner Solokonzert. Da steht sie ohne Brimborium im glitzernd roten Saloncowboyhemd, sieht ein bisschen burschikos aus mit jungshaft kurzen blonden Zuppelhaaren. Und zuppelt die glitzernd blaue Akustikgitarre: einfaches, doch effektvoll solides Fingerpicking. Und singt gleich einen ihrer schönsten Songs: „I drink". Singt mit kräftiger Louisiana-Stimme über Abschiede und gebrochene Herzen, über Betrüger, Lügner,

schräge Vögel, Penner, gefallene Engel, Junkies, Insassen von Todeszellen. Ja, sagt Mary, sie mag nun mal die traurigen Lieder ganz besonders gerne. Und diese kaputten Typen. Wenn sie im Norden der USA auftrete, werde sie als Folksängerin angekündigt, im Süden als Countrysängerin, und in Europa bezeichne man ihren Stil als „Americana". Aber was sei da schon für ein Unterschied zwischen Folk und Country, zwischen Woody Guthrie und Hank Williams? Sie pustet in die Mundharmonika, schlägt ein paar kräftige, schwere rhythmische Akkorde an à la Neil Young und singt vom Dreck in der Luft nach dem Abbrennen der Zuckerrübenfelder in Louisiana. Und zieht die Mundwinkel wie den Ton einer Pedal-Steel-Gitarre, nach oben oder nach unten. Und erzählt. Und singt. Und lacht. Anderthalb wunderbare Stunden. Doch: Mary Gauthier ist die Entdeckung des Jahres! H.P. Daniels

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