Kultur : Gefangen im Plastikmüll

No Chance: „Blackbird“ im Schaubühnen-Studio

Christine Wahl

Die letzte gemeinsame Nacht endete für Ray im Gefängnis und für Una beim Psychologen: Sie war ein blondes Kind von zwölf, er ein krisengebeutelter Mann von vierunddreißig Jahren, als sie sich ineinander verliebten. Jetzt, sechzehn Jahre später, hat Una Ray in den berühmten geordneten Verhältnissen zwischen Biederjob und Durchschnittsbeziehung ausfindig gemacht und stellt ihn zur Rede.

In David Harrowers („Messer in Hennen“) jüngstem Stück „Blackbird“, das Peter Stein im Sommer beim Festival in Edinburgh urinszenierte, ist also viel Seelenmüll abzutragen. Und damit uns das auch nicht entgeht, trifft sich das denkwürdige Paar in einer Art Betriebskantine, die von halb leeren Plastiktellern und verkrusteten Bestecks nur so überquillt. Die Requisite hat wirklich vorbildliche Arbeit geleistet für Benedict Andrews’ deutschsprachige Erstaufführung im Schaubühnen-Studio: Kaum ein Schritt, bei dem Ray nicht auf einem Saucenklecks ausrutscht oder Unas Pumps sich in einen Serviettenrest bohren.

Und so verhält es sich im Grunde mit dem ganzen Abend: „Du hast ein falsches Bild von dir, wie du warst“, sagt Ray einmal zu Una. Da scheint kurz auf, was dramatisch möglich wäre bei solch einer Begegnung: Dinge, die man von sich selbst nicht wissen möchte, Erinnerungen, die sich unter therapeutischer Fürsorge bis zur Unkenntlichkeit verbogen haben, Gefühle, die die Selbstzensur verbietet.

All das bleibt hier über weite Strecken Behauptung: Kaum hat sich der komplexe Raum tatsächlich einmal ein wenig geöffnet, verfängt sich Ray postwendend im Plastikmüll und hockt wieder im nahe Liegenden fest. Dass er zudem aussehen muss wie der verklemmte Buchhalter aus der Vorabendserie, lädt auch nicht gerade zu einer differenzierteren Sicht auf die Dinge ein. Jule Böwe alias Una hat zwar mehr Spielraum als ihr hängeschultrig gezeichneter Partner Thomas Bading (und nutzt ihn auch), kann den Abend jedoch im Alleingang nicht ertragreicher zaubern.

Wieder am 17. bis 19., 22. und 23. November, jeweils 20.30 Uhr

0 Kommentare

Neuester Kommentar