Kultur : Gefeilsche um das Haupthaar von Peter Handkes "Kaspar"

Ulrich Deuter

Noch regiert die Zensur im Iran. Doch die Freiheit der Kunst lässt sich immer schwerer unter den Turban zwingenUlrich Deuter

"Fadjr" heißt so viel wie Licht, Morgenröte. Doch als das gleichnamige Theaterfestival im Jahre Fünf der islamischen Revolution im Iran begründet wurde, stellte es noch nicht den Silberstreif dar, den es jetzt für die Mullah-müde Bevölkerung vor allem Teherans bedeutet. 1983 zur Selbstfeier des theokratischen Regimes von Ajatollah Chomeini ins Leben gerufen, hat sich das Festival seit zwei Jahren vom propagandistischen Monument zum Aussichtsturm gewandelt, von dem aus der Blick in die ersehnte Freiheitmöglich ist. Es kam daher einer Sensation gleich, als Roberto Ciullis Mülheimer Theater an der Ruhr beim letztjährigen Fadjr-Festival als erste ausländische Truppe im Iran gastierte - ein Ereignis, das noch lange danach in Teheraner Zeitungen Diskussionsgegenstand war.

Nun ist Ciulli mit Peter Handkes "Kaspar" erneut in der iranischen Hauptstadt, das Fadjr-Festival ist endgültig international geworden, allen konservativen Eindämmungsversuchen zum Trotz. Neben Ciullis Mülheimer Truppe zeigt heute Abend das Münchner Residenztheater Goethes "Clavigo", und neben 40 einheimischen Inszenierungen gibt es Gastspiele auch aus Italien, Schweden, Norwegen, Chinaund Armenien. Aber ein Theatergastspiel in der Islamischen Republik Iran ist eine eigene Sache. Es beginnt damit, dass die weiblichen Ensemblemitglieder schon im Flugzeug der "Iranair" Kopftücher aufzusetzen haben. Seit vor zwei Jahren der Liberale Mohammad Chatami überraschend die Präsidentschaftswahlen gewann, herrscht zwar vorsichtige Aufbruchsstimmung im Land. Doch das Zentrum der Macht befindet sich nach wie vor unter dem Turban und hinter der dicken Brille. Beherrschende Figur des Landes ist Ali Chamenei, der als demokratisch nicht legitimierter "Herrschender Rechtsgelehrter" 1989 die Nachfolge Chomeinis auf Lebenszeit antrat. Chatamis Truppen sitzen vor allem im Kulturministerium, das auch das "FADJR"-Festival bezahlt, doch da im Iran die Frage der Kultur eine Frage des staatlichen Selbstverständnisses ist, besitzt dieses Ressort einen höheren Stellenwert als in anderen Ländern. Der ungelöste Konflikt zwischen den Verlockungen des Westens und der mit Gewalt wiederbelebten islamischen Tradition bildet das Gift, das das Land zwischen Türkei und Afghanistan lähmt. Soll es den laizistischen Weg des westlichen oder den fundamentalistischen des östlichen Nachbarn einschlagen?

Während die Mächtigen sich bekämpfen, haben sich die Teheraner - 13 von 70 Millionen Iranern - bereits entschieden. Die Hauptstadt gleicht einer Pizza Calzone: Äußerlich karg und freudenfeindlich, verbirgt sich ihre Genussseite im Innern. Noch immer ist nicht eine einzige Frau in der Öffentlichkeit ohne Kopftuch zu sehen, auch nicht in geschlossenen Büros. Auf Teherans Straßen und Plätzen herrscht reger Handel, dichtes Gedränge, doch es gibt keine einzige Diskothek, kaum Restaurants, keine Kneipen. Hinter den Mauern der Privatheit allerdings, so wird von Teheranern versichert, fallen Kopftücher und Wallegewand, wird getanzt und manche Flasche Wodka geköpft. Offiziell ist im Iran Alkohol verboten, steht auf Drogenbesitz die Todesstrafe. Westliche Diplomaten aber berichten über eine grassierende Doppelmoral.

Der Iran ist ein schizophrenes Land. Während Hussein Salimi, der Direktor des Dramatic Arts Center, sich als good guy so weit für die Freiheit des Theaters einsetzt, dass er, wie seine Mitarbeiter versichern, sogar mit dem leidlich liberalen Kulturminister im Streit liegt, ist sein Stellvertreter Majid Sharifkhodaie der bad guy im Spiel. Er ist der Zensor. Die Freiheit von Wissenschaft und Kunst ist in der iranischen Verfassung nicht vorgesehen. Also sitzt der promovierte Historiker Sharifkhodaie bei der Probe von "Kaspar", den Ciullis Truppe zeigen wird, am Nachmittag vor der ersten Vorstellung in der ersten Reihe im Parkett des Teheraner Stadttheaters und waltet seines Amtes. "Kaspar", Peter Handkes frühes Stück, das vorführt, wie einem unbändigen Wesen, einem Kaspar Hauser, die Zwangsjacke der Zivilisation angepasst wird, war von den Mülheimer ausgewählt worden, weil es von iranischen Zuschauern auch auf ihre eigenen Verhältnisse zu übertragen sein dürfte.

In Ciullis Inszenierung wird Kaspar, von der Erziehung durch die drei "Einsager" bereits betäubt, einmal wie ein Leichnam auf den Tisch gelegt, gewaschen und neu aufgebaut. Nun ist Kaspar, durchaus konsequent, hier eine Frau - ein nackter, noch dazu weiblicher Körper auf einer iranischen Bühne ist allerdings eine Undenkbarkeit. Also war diese Szene von vornherein herausgenommen und durch pantomimische Handlungen ersetzt worden. Auch war das Kostüm der Kasparin, die nach ihrem Wiederaufbau wie eine Barbie-Puppe ausstaffiert da steht, auf Mullah-Maß verlängert und verharmlost worden. Vorauseilender Gehorsam, gewiss, aber anders könnte westliches Theater im Iran gar nicht gezeigt werdn. So weit, so noch nicht gut. Denn die mysogyne Mullahkratie leidet unter einem Haarkomplex, dem aller weiblicher Kopfbewuchs ein Angst-Lust-Gräuel bedeutet. Mithin wird dem Zensor selbst die Perücke Kaspars zum Ärgernis - auch sie solle verdeckt werden! Ein Gefeilsche hebt an zwischen dem Regisseur oben und dem Kunstrichter unten: um jedes Strähnchen Haar.

Als Kaspar sich endlich verzweifelt die Perücke wieder vom Kopf reisst, sind für Sekunden die streichholzkurzen Haare der Schauspielerin Maria Neumann zu sehen - verdecken, Tücher drüber, weg damit! So die gemurmelten Rufe des Zensors, der seinerseits mit wallendem Haupthaar da sitzt und immer wieder ins Handy spricht, um seiner Behörde Bericht zu erstatten. Befragt, ob er sich bei seinem Tun nicht schäbig fühle, gibt Sharifkhodaie die Antwort der Satrapen aller Zeiten: "Es gibt Gesetze. Ich tue nur meine Pflicht." Um sich hernach, des Reporters Arm tätschelnd, als Freund der Künste zu offenbaren, dem es nur darum gehe, die Freiräume zu schützen, die vorhanden seien. Denn das Theater stehe im Iran unter großem Druck.

So gehört Sharifkhodaie zur liberalen Chatami-Fraktion. Doch stellt sich ihm - allerdings auch ausländischen Theatergruppen im Iran - die Frage, wie weit man im Wagen der Herrschenden mitfahren darf, bloß weil man hofft, auf diese Art den kleinen Finger ans Steuer zu bekommen. Auf die Frage des deutschen Reporters, ob er sich bei seiner großen Liebe zur Kunst auch als jemand verstehe, der deren Grenzen erweitern helfe, antwortet der Zensor: "Die Veränderungen sollten von den Menschen kommen. Wenn sie es wollen, will ich es auch."

Die Menschen Teherans aber wollen die Veränderung längst. Alle drei "Kaspar"-Vorstellungen finden vor völlig ausverkauftem Haus statt, jeweils über 500 Zuschauer, meist jung (gut 60 Prozent der Bevölkerung ist unter 20). Selten sieht man ein so konzentriertes Theaterpublikum wie dieses, das von der psychologisch eindringlichen und bildstarken Spielweise der Mülheimer sichtlich fasziniert ist. Die Leerstelle, die die Pantomime markiert, wird als Anspielung offenbar erkannt, und wenn die Schauspieler die - verbotene - Berührung zwischen Männern und Frauen grotesk vermeiden, etwa beim Tanzen im Abstand, bricht der Saal in Gelächter aus.

Es gibt seit etwa hundert Jahren Theater im westlichen Sinne im Iran. Die Kenntnis von europäischem Theater ist in Teilen des Publikums und bei Teheraner Theaterleuten für den deutschen Beobachter erstaunlich. Das Theater Irans aber steht vom Text bis zur Inszenierung unter Zensur, in den Wochen vor den Parlamentswahlen am 18. Februar gilt das besonders. Vielleicht, so hofft Laleh Taghian, die Herausgeberin der Theaterzeitschrift "Namayesh" und große alte Dame der iranischen Kritik, wird es danach ein wenig besser werden. Die deutschen Gastspiele, sagt sie, können eine große Hilfe sein.

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