Kultur : Geflüstert, nicht gehämmert

René Pollesch inszeniert mit „LSD“ in Stuttgart eine Video-Orgie – und frisst jede Menge Kreide

Ulrike kahle

Mattigkeit. Die Schauspieler sitzen stumm und schauen; wenn sie reden, flüstern sie. Am besten in Großaufnahme. Der neue Pollesch, „LSD“, in zwei Wochen gestemmt, täglich, nächtlich, hinterließ eine Schauspielerin mit Schleudertrauma, und alle vier erschöpft. Und da wir es mit authentischem Theater zu tun haben, sollen die Schauspieler ihre Erschöpfung auch zeigen.

René Pollesch, der in Berlin, Hamburg, Wien, überall gefeierte Erfinder einer neuen Theaterform – dem Unterlaufen von Theater im Theater, den wunderbaren Pollesch-Sätzen, vollgepackt mit Theorie, Technik, Philosophie, Soziologie und Feminismus, frech, hintersinnig, mit ein paar prickelnden Prisen Blödsinn –, ist bei sich selbst angekommen. Und das ist leider nicht so interessant und wirkt auch wenig authentisch.

Wenn man mitspielen dürfte auf dieser einladenden Bühne mit drei Riesengummirutschen vor einer mehrhöhligen Spielautomatenlandschaft, käme man sich vor wie die durstige Alice im Wunderland an der Teetafel des verrückten Hutmachers: Immerzu wird Tee eingeschenkt, aber die Tasse bleibt leer. Hier rackern sich die Schauspieler ab, flüstern ins Mikro und gucken im richtigen Moment in die Kamera und zucken auf den Rutschen und schreien auch mal und rennen und fluchen, doch es kommt nicht rüber. Pollesch muss direkt sein, seine Nicht-Stücke aus (leeren) Sätzen verspielter Kapitalismuskritik müssen frontal ins Publikum geschrien werden, auch gelegentlich geflüstert, aber: Sie brauchen Tempo, sie brauchen die lustvolle Konfrontation.

Wenn der Kameramann Hauptakteur wird, wenn, wie immer häufiger im Theater, fast nur noch gefilmt wird, dann kommt nicht nur etwas hinzu zum Theater, ein neues Medium, dann kann auch viel wegfallen. „LSD“ ist eine Video-Orgie. Doch trotz schönster Großaufnahmen, herrlicher Schwenks über die funkelnden Lichter der Spielautomaten, trotz der fantastischen Kamera von Alex Schmidt: Der Hunger auf die leibhaftige Präsenz der Schauspieler wächst. Und wenn dann die Wucht der Sätze nachlässt, die Überlegungen zur Liebe, zur Orientierungslosigkeit nur geflüstert, die Thematisierung der Herstellung dieses Stückes eher banal gehandhabt werden, sich die „Scheiße“-Sätze zu oft wiederholen, dann schaltet man ab. Wie war es doch so schön in „Smarthouse 1+2“, im Zuschauerraum des Stuttgarter Schauspielhauses. Eine kleine Plattform, die Schauspieler zum Greifen nah, wenn sie nicht über die Sitze wandelten und den weiten Raum neu erfahrbar machten. Am Schluss durften wir alle Präsident Bush (auf der Leinwand) anschreien. Viel Spaß und auch Bedeutung.

Jetzt wird der Zuschauer zurückgewiesen. In den versteckten Spielräumen hinter den Großrutschen reden Silja Bächli, Hanna Scheibe, Christian Brey, Kai Schumann über Sex für Drogen. Reden über Liebe, das nackte Leben, über die Farce hier. Reden sich häufig mit richtigem Namen an: Ein bisschen Probenprozess, ein bisschen Stückeschreibers Unglück, eine Parodie auf Peter Weiss „Marat/Sade“. Die Schauspieler spielen auch die Patienten, die wiederum so etwas wie ein Stück spielen, aber dann spielen wieder die Schauspieler und so verwirrend weiter.

Überhaupt wird das Theater als Anstalt thematisiert, als Zuchthaus und Hölle, wie Rio Reiser erotisch-heiser am Ende singen darf. Das Theater ist das Leben ist die Anstalt ist die Hölle (und das erinnert doch stark an Frank Castorf, videotechnisch wie thematisch). Immer wieder wird die deutsche Romantik beschworen, durch Name-Dropping wie Schlegel und Tieck, mit nicht unbedingt nachvollziehbaren Verweisen. Natürlich spukt Büchner herum, Leonce, der sich auf den Kopf schauen möchte: „Ich will mich von außen ansehen . . . Geld und Drogen wissen so viel mehr von mir als ich.“ Ja, es gibt sie noch, die Pollesch-Hammersätze, aber geflüstert ist eben nicht gehämmert.

Wie das Textmaterial sind die Kostüme von den Schauspielern selbst ausgewählt. Bühne und Kostümangebot gestalteten Indra Nauck und Michaela Springer aus der Bühnenbildklasse von Martin Zehetgruber. Die drei Rutschen, die blinkenden Automaten, die große Leinwand, hineingestellt in den Alten Landtag, mit historischer Galerie und Säulen und Deckenkassetten, das hat was. Hat was von Wunderland und PolleschTheater, verbindet Technologie mit Kinderspielplatz, nur werden die Rutschen zu wenig genutzt, darf man nur einmal einen Blick auf die Automatenlandschaft werfen, wenn Sikja Bächli die mittlere Rutsche für ein Weilchen hochstemmt – während Silbertaler auf sie herabregnen. Ein Märchenbild, kein Video. Davon mehr – und der neue, sanfte Pollesch wäre auch ein Theatervergnügen.

Wieder am 16., 17. und 20.7. im Schauspiel im Alten Landtag Stuttgart

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