Kultur : Gefreiter gegen Hitler

Bernd Ziesemers Suche nach seinem Vater.

Hannes Schwenger

Seine Bücher, schreibt Bernd Ziesemer, bis 2010 Chefredakteur des „Handelsblatts“, seien „mehr oder weniger nur eine Fortsetzung des politischen Tagesjournalismus“ gewesen. Das ist ein wenig untertrieben, denn sein erstes, mit Karl Schlögel und Willi Jasper verfasstes Buch war eine sehr persönliche und sehr grundsätzliche Abrechnung mit der Krise der studentischen Linken und der maoistischen KPD, der er selbst angehört hatte. Trotzdem ist sein jüngstes Buch „Ein Gefreiter gegen Hitler. Auf der Suche nach meinem Vater“ das persönlichste und zugleich Ausdruck der These, „dass es sehr viel mehr Widerstand in der Wehrmacht gab, als viele heute glauben“.

Das mag für viele gelten, einen Historikerstreit wird er damit nicht mehr auslösen. Schließlich beruft er sich für seine These auf Autoren wie Wolfram Wette, Norbert Haase, Manfred Messerschmidt und Hermine Wüllner, die den Widerstand von Deserteuren, Befehlsverweigerern, stillen Helfern und Rettern in der Wehrmacht ins Licht gerückt und dokumentiert haben.

Bernd Ziesemers Vater Karlheinz war einer von ihnen, als Kurier von Offizieren des Widerstands 1944 verhaftet, zum Tode verurteilt und in einem neuen Verfahren zu 15 Jahren Zuchthaus „begnadigt“, bis ihm zuletzt eine abenteuerliche Desertion quer durch die zusammenbrechende Front gelang. Was ihn – der sich für sein Motorrad mehr interessierte als für Politik – bewogen hatte, den gefährlichen Kurierdienst für den Widerstand auf sich zu nehmen, hat er dem Sohn so wenig erklärt wie sein Schweigen in der Nachkriegszeit über seine Verurteilung und Hafterlebnisse. Er habe, mutmaßt der Sohn, nach der Heimkehr begriffen, dass es schon wieder „besser war zu schweigen“. Denn „ in der Enge des Kleinstadtmilieus“ seiner Heimatstadt Bückeburg – Garnisonsstadt auch für die neu erstandene Bundeswehr – gab es „von Anfang an kein Verständnis für einen Deserteur und verurteilten Wehrmachtszuchthäusler wie meinen Vater“.

Sein Schweigen war der Preis für die Rückkehr in eine bürgerliche Existenz als Handwerker, Händler und Bezirksdirektor einer Versicherung, die ihm schließlich gelang. Luft machte er sich im Stillen durch das Verfassen von Gedichten und Erzählungen, in denen er sein pazifistisches Bekenntnis durchscheinen ließ und einmal sogar die letzte Nacht eines zum Tode verurteilten Deserteurs schildert. Nur eine Handvoll Gedichte und Kurzgeschichten wurden veröffentlicht, sein Traum einer Schriftstellerexistenz erfüllte sich nie. Kurz vor seinem Tod 1978 begonnene Lebenserinnerungen brechen nach 24 Seiten ab und mischen „Anekdoten von fröhlichen Wehrmachtshelferinnen und den ,schönen Seiten des Krieges’“ mit Schilderungen aus dem Wehrmachtszuchthaus Torgau, ohne seinen Sprung in den Widerstand und die Flucht aus dem Straflager zu erklären.

Bernd Ziesemer, dem Sohn, will das nicht genügen. Er macht sich auf die – vergebliche – Suche nach den Gerichtsakten, nach überlebenden Kameraden, Vorgesetzten und Mithäftlingen, aber nicht einmal der Name des Majors, der ihn als Kurier für den Widerstand gewann, ließ sich ermitteln; so wenig wie der Inhalt der geheimen Botschaft, den Karlheinz Ziesemer nicht gekannt, sondern nur geahnt haben will. Vielleicht hat ihm dies sogar das Leben gerettet, weil er sich auf die gutgläubige Ausführung eines Befehls berufen konnte. Bernd Ziesemer bleiben nur einige hundert Notizzettel, auf die sein Vater als Soldat Einfälle und Maximen notierte. Einer davon lautet: „Wenn einer sagt, du musst dich in die Gemeinschaft einfügen, hat er recht. Nur darf keiner verlangen, dass ich dabei mein eigenes Leben aufgeben soll.“ Vielleicht ist das, die Berufung auf das Lebensrecht des Einzelnen, schon die Antwort, die Bernd Ziesemer gesucht hat.

Sein Buch will für den weitgehend stummen Widerstand von Menschen wie seinem Vater Gerechtigkeit, nicht Heroisierung, wie sie die Offiziere des 20. Juli erfahren haben. Zum Sprechen kann auch er ihn in seiner vergeblichen Spurensuche nicht mehr bringen, nur „eine weitere Facette zur Geschichte des Widerstands in der Wehrmacht und zur Militärjustiz im Zweiten Weltkrieg hinzufügen“. Hannes Schwenger

Bernd Ziesemer:

Ein Gefreiter gegen Hitler. Auf der Suche nach meinem Vater. Hoffmann & Campe, Hamburg 2012. 286 Seiten, 21,99 Euro.

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