Kultur : Gefrorene Zeit

Isabel Herzfeld

Im Wasser treibende, verzweifelt Halt suchende Menschen; ein einsamer alter Mann zwischen lichtdurchglühtem Fenster und sich ins Dunkel windender Treppe; Jagd in einer vereisten Landschaft; eine im endlos vibrierenden Horizont verlorene Gondel - das sind die Bilder, die Hugues Dufourt zu seinem Zyklus "Hivers" (Winter) inspirierten. Von 1992 bis 2001 schrieb der Komponist und Philosoph an den vier ausladenden Sätzen. In der Gemäldegalerie erlebten sie bei MaerzMusik ihre Aufführung durch das klangintensive, von Dominique My geleitete Ensemble Modern. Eine "lautmalerische" Umsetzung des Bildinhalts ist daraus jedoch nicht geworden. Dufourt öffnet die Bilder als eine "Büchse der Pandora", befreit die in ihnen eingeschlossene Zeit, ihren "inneren Klang" (Kandinsky). Der ist ein Keulenschlag. Lähmendes, nebelhaftes Dämmerlicht. Bleierne Zeit. Der Komponist meint mit seinen "Vier Jahreszeiten" auch die Winter des 20. Jahrhunderts: Genozid, Gleichgültigkeit, Trauer um die Namenlosen.

Erratische Blöcke, wie unter Milchglas glimmend, schieben sich voreinander und zerfallen. Vibraphon und Marimba erzeugen kaum wahrnehmbare Bewegung. Von Rhythmus, Melodik gar, nur Andeutungen. Gewaltige Ausbrüche gefrieren gleich wieder in starren Repetitionen. Gedrückt, zerfetzt, dunkel und grell selbst dann, wenn sich die Vogelstimmen Olivier Messiaens im 3. Satz erheben. Doch gibt es Schönheit in dieser Klangwüste von faszinierender Ereignisdichte, in der "die Glut des Geistes" in einer geschwungenen Streicherkantilene aufflackert.

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