Kultur : Gefühle in den USA: Es geht bergauf!

Der Autor lebt als Schriftsteller in San Francisco

In den Geschäften und Straßen von San Francisco geht es in diesen Tagen relativ ruhig zu. Aus der Distanz erscheint ziemlich unwirklich, was am Dienstag in New York geschehen ist. Die Amerikaner, die keine Erfahrung mit solchen Terrorakten haben, wissen wenig damit anzufangen. Die Börse ist geschlossen. Es gibt keine Baseball-Spiele, sogar die Football-Spiele sind abgesagt. All das ist noch verstörender als vor 38 Jahren, als Kennedy erschossen wurde.

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Chronologie: Die Anschlagserie gegen die USA
Osama bin Laden: Amerikas Staatsfeind Nummer 1 gilt als der Hauptverdächtige Natürlich fragt sich niemand, wirklich niemand in diesem Land, wie so etwas hatte passieren können. Man muss schon die BBC-Nachrichten im Radio hören, um die politischen Hintergründe zu begreifen. Das Land ist in Hyper-Patriotismus vereint: Wir werden Bin Laden und mit ihm allen Arabern die Schuld geben und ihnen das Leben zur Hölle machen, bis sie zu unserem zivilisierten way of life bekehrt sind. Vermutlich werden wir die armen Afghanen bombardieren und ihre frommen, erbärmlichen Unterdrücker. Die Irakis und die Libyer wahrscheinlich auch. Bloß in Grenada müssen wir nicht nochmal einmarschieren, die Insel wurde bekanntlich neutralisiert.

Das Pentagon (oder das, was davon übrig ist) wird jetzt mehr Geld bekommen, als es sich je erträumt hat. Sogar das Raketenabwehr-Programm wird jetzt wohl anstandslos durchgehen, obwohl die Ereignisse in New York und Washington dessen Absurdität gerade erst unter Beweis gestellt haben.

George W. Bush ist wie neugeboren. Vor den Terrorakten trieb er fatal einer gefährliche Schlechtwetterzone entgegen. Nun sind wir als ein Volk hinter unserem Führer vereint und trotzen den Mächten des Bösen. Überall "God bless America", und die Kongressmitglieder schwingen entsprechende Reden. Danke, es geht uns bald wieder gut. Und es wird uns ein Vermögen kosten.

Die Flughäfen öffnen wieder. Die Wall Street macht wieder Geschäfte. Wenn die Amerikaner wieder einkaufen gehen und Baseballspiele veranstalten, wird alles so sein wie früher. Außer vielleicht das Panorama von Lower Manhattan, wenn Sie verstehen, was ich meine. Dies ist ein großartiges Land. Wir sind ein großartiges Volk. Ein paar verrückte Araber ändern daran nichts.

Oder doch? Eine Rezession scheint so gut wie sicher. Plötzlich ist unstrittig, dass die Regierung die sonst heilige Rentenkasse plündern wird, um zusätzliche Verteidigunsausgaben zu finanzieren. Und wir scheinen entschlossen, in den Krieg zu ziehen. Krieg: Bush und Powell, der ganzen Kommandoebene, geht dieses Wort locker über die Lippen. Die High-Tech-Industrie im Süden von San Francisco steigt wie Phönix aus der Asche: Verteidigung braucht High-Tech. Es geht bergauf!

Es ist nicht höflich, das jetzt zu sagen, aber es gibt da draußen eigentlich niemanden, den wir bombardieren könnten. Es gibt vielmehr ein multinationales Verbrechersyndikat - hier, in Deutschland, in Großbritannien und in den Gebirgsausläufern des Hindukusch. Sie sind über uns gar nicht glücklich, und dieser Zustand wird sich noch verschlimmern. Auch wenn es den Familien der Opfer dieser gemeinen, vernichtenden Angriffe nicht so erscheinen mag: Wir sind noch ganz gut weggekommen. Diese "Verrückten" wissen genau, was sie wollen, und sie sind gut organisiert. Wenn sie sich dazu entschließen, können sie uns noch viel schlimmer heimsuchen. Und dann, meine Freunde, wird es finster.

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