Kultur : Gefühle mit Udo - Eine Selbstinszenierung in Rostock

Hartmut Krug

Der Ehemann, seine Bienen und die abgefackelte Datsche: 40 Jahre Leben in der Keksdose. Beseelt lächelnd streckt das liebe Muttchen in der Imkerkleidung ihre bunte Dose immer wieder den anderen vier Frauen entgegen, die sich auf eine Seebrücke am Meer zurückziehen wollten. Fünf Frauen, fünf normal komplizierte und verkorkste Lebensgeschichten geraten unfreiwillig aneinander, in einer Art Gruppentherapie.

Fünf Frauen mit ihren Ängsten erklärt uns Daniel Call in seinem als Auftragswerk entstandenen Stück "Phobiker". Der in Berlin lebende Autor, Jahrgang 1967, Gründungsmitglied der Jungdramatiker-Selbsthilfeorganisation "Theater Neuen Typs", kam Ende der achtziger Jahre kometengleich über die Theaterlandschaft. Als Dramaturg und Regisseur warf er bald seine Stücke des "alltäglichen Wahnsinns" der Kleinbürgerhöllen in rasender Folge auf den Markt. 1997 erlebte Call gleich sechs Uraufführungen, wohl am meisten gespielt wurde sein "bürgerliches Damendrama" mit dem Titel "Wetterleuchten". An Calls Stücken schieden sich die Geister: Die Theater spielten ihn, und die Kritiker verrissen ihn. Weil Call gestand: "Ich scheue Trivialität nicht, Kitsch ist eine Urstruktur". Und weil er genau so schreibt, absichtsvoll wortschwallartig zwischen Plattheit und Poetisiererei. Calls Stil könnte man als eine Melange von Karl May und Botho Strauß bezeichnen: Unter den schrillen Oberflächenreizen seiner Stücke droht der Tiefsinn. "Phobiker" ist "feierlich" Udo Jürgens gewidmet, dessen Lieder dem Zuschauer in Rostock bereits auf der Toilette ins Ohr gespült werden. Die Ängste und Macken von Calls Phobikerinnen begründet der Autor mit dem Zwang zur Kommunikation, dem unsere Fernseh-Gesellschaft ausgeliefert sei. Die Lebensgeschichten rattern als echolose Monologe daher, und selbst das Witzeerzählen schafft keine Aufmerksamkeit bei den Anderen.

Calls "Phobiker" ist auch eine Sketchparade, allerdings mit kabarettistischem Müdwitz. Da gibt es die Handy-Frau, die allein sein will und dennoch unentwegt telefoniert (das Handy ist nicht eingeschaltet!). Dorothea Meissner gibt ihr eine wunderschöne Zickigkeit. Eine andere Frau fantasiert sich durch viele historische Heldinnenfiguren und versucht, mit Pistole und Whiskey wieder die coole Blonde aus dem Chicago der 30er Jahre zu werden. Eine Feministin, die alle ideologischen Moden mitgemacht hat, hält sich an einer Frau mit riesigem Gummikrokodil auf dem Rücken fest. Und die ehegeschädigte Imkerwitwe erzählt von ihrer Angst vor Insekten. Katrin Stephan spielt diese Figur mit herrlich warmer Innigkeit.

Daniel Call schüttet alle Genres und Formen auf die Bühne, die gemeinhin bei der Seelen-Suche helfen. Ganz unironisch "vertrasht" er dabei Schlager und Gurugeschichten zu etwas verwirrend Neuem. Udo singt, ein hebräischer Mythos vom Seelenvogel erklingt, und einem vom Himmel geschossenen Schwan entsteigt ein bronzierter nackter Mann als Märchen erzählender Sehnsuchtsguru.

Die absichtsvolle Bedenkenlosigkiet, mit der der Autor Call sein genau und schräg komponiertes Stück jede Idee und jede Form Einlass finden lässt, fehlt leider dem Regisseur Call völlig. Immerhin hat Marcus Lachmann ihm einen schönen blausilbrigen Kunstraum mit Horizont, Seeatmosphäre und einem langwinkligen Steg im Wasser gebaut, in dem man Theater als entfesseltes und gleichnishaftes Spiel geben könnte. Doch was schnell und heftig sein müsste, kommt hier als zähes Bedeutungsspiel daher. Die Inszenierung erstickt geradezu an ihren Pausen und ihrer forcierten Ernsthaftigkeit.

Der Autor Call war in Rostock nicht sein bester Regisseur. Dabei ist er dem Volkstheater Rostock auch als Regisseur fest verbunden. Seine Inszenierungen von Hochhuths "Effies Nacht" und Bernhards "Vor dem Ruhestand" werden sehr gerühmt. In Calls Stücken passt alles irgendwie und vieles ganz bewusst nicht zusammen. Das macht sie manchmal ärgerlich und manchmal spannend. Genau diese Wirkungsmischung bestimmt auch "Phobiker".

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