Kultur : Gefühle müssen raus

Gregor Dotzauer

Zehn Sekunden, und jeder wüsste, was er vor sich hat. Es könnten der Cafélärm und das Gläserklirren sein; die Zigaretten, der Wein oder die schnell gewechselten Umarmungen; die Melancholie der Gesichter; das sich in Cinemascope ausdehnende Pariser Winterlicht oder eine dieser Bettszenen, die einem den verbotensten aller verbotenen filmkritischen Sätze diktieren wollen: dass Filme machen heiße, schöne Dinge mit schönen Frauen anzustellen. Was es auch wäre: "Le doux amour des hommes" hätte sofort die Anmutung eines jener kleinen französischen Filme, die man mit Namen wie François Truffaut, Olivier Assayas und Arnaud Desplechin assoziiert. "Die süße Liebe der Männer" nun stammt von Jean Paul Civeyrac, einem 37-jährigen Regisseur, der das Bild insofern vervollständigt, als er zuerst Philosophie studiert und dann die wichtigste Pariser Filmhochschule FEMIS besucht hat, an der er auch unterrichtet.

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Man müsste das aber gar nicht wissen, weil sein Film so gegenwärtig wie zeitlos wirkt. Auch dass er vom Werk des 1898 mit 24 Jahren verstorbenen Jean de Tinan inspiriert wurde, ist Nebensache. Die stofflichen und unstofflichen Schichten durchdringen einander derart, dass Civeyracs Gedichte schreibender Protagonist Raoul (Renaud Bécard) je nach Perspektive ein Taugenichts, ein Dandy oder Drifter sein könnte. "Der geigende Eremit", ein leitmotivisch wiederkehrendes symphonisches Poem von Max Reger, entstanden nach einem Gemälde von Böcklin, ein Song von Ella Fitzgerald, Giacomo Leopardis "Tagebuch der Liebe", ein paar Verse von Mallarmé: Alles fügt sich unangestrengt in Civeyracs lyrisch kühle Studie eines jungen Mannes ein, der inmitten seiner Vielweiberei unter einer "Impotenz der Gefühle" leidet. Gleichgültig antichambriert er vor dem Mysterium Liebe. Nicht einmal durch den Tod des Mädchens, das ihn am meisten rührt (Claire Perot als Jeanne), findet er Einlass.

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