Kultur : Gefühle sind Todsünden

Opern-Duett: Gisbert Jäkel verkuppelt in Potsdam Monteverdi und Weill

Jörg Königsdorf

Sie lieben sich und bekämpfen sich bis aufs Blut, nur eines dürfen Tancredi und Clorinda nicht: ihren Gefühlen durch Gesang Ausdruck verleihen. In seinem „Combattimento“ vertraut Claudio Monteverdi die Schilderung der tragischen Episode aus Tassos Renaissanceepos „Das befreite Jerusalem“ zum größten Teil einem Erzähler an und lässt den Liebenden nur wenige Zeilen O-Ton übrig. Gefiltertes Gefühl statt Liebesduett, Opernreport statt Gefühlsdrama – kein Wunder, dass Monteverdis 1624 uraufgeführtes Kurzdrama ein weit gehend folgenloses Experiment blieb und die neue Gattung Oper stattdessen lieber direkt aufs Herz zielte.

Für das Musiktheater des 21. Jahrhunderts, das den Wahrheitsgehalt der gesungenen Gefühle hartnäckig in Zweifel zieht und die Künstlichkeit des Genres selbst zum Thema macht, ist der „Combattimento“ jedoch ein gefundenes Fressen. Die Aufspaltung in verschiedene Ebenen, die etliche Inszenierungen herkömmlicher Werke durch Videos und Parallelhandlungen versuchen, ist hier schon mit einkomponiert. Der Entschluss des Potsdamer Hans-Otto-Theaters, das Stück mit Kurt Weills „Die Sieben Todsünden der Kleinbürger“ zu koppeln, lässt erst recht eine solche Auseinandersetzung mit Schein und Sein erhoffen. Auch in Weills Konzertkantate wird berichtet statt gehandelt, scheinen Glanz und Elend der Roaring Twenties nur durch den Rückspiegel einer persönlichen Erfahrung. Doch leider lässt sich Regisseur Gisbert Jäkel die Chance entgehen, einen kühnen Bogen über die Jahrhunderte zu schlagen und das Gemeinsame beider Stücke sichtbar zu machen.

Jäkel ist eigentlich Bühnenbildner, in Berlin vor allem durch seine Arbeiten an der Schaubühne bekannt. Und er ist, obwohl er sich in den letzten Jahren immer stärker als Opernregisseur versucht hat (zum Beispiel mit einem „Ring“ in Graz), im Grunde ein Bühnenbildner geblieben – einer, der keine tief greifenden intellektuellen Konzepte entwirft, sondern lieber illustriert. In den Potsdamer „Todsünden“ liefert er für jede Episode eine neue szenische Variation im Rahmen seines stimmungsvoll heruntergekommenen Bühnenbildes. Alle Erlebnisse, von denen die Sopranistin Stefanie Wüst singt, werden penibel gezeigt, die Schwester Anna, um die sich alles dreht, durchlebt alle Leidensstationen als stummes Double.

Gewonnen ist dadurch freilich nichts, im Gegenteil. An die Stelle der beklemmenden Unsicherheit, was von diesem Bericht überhaupt wahr ist, ob nicht am Ende diese Schwester selbst gar nicht exisiert, tritt eine platte Bebilderung, der Tod aller Fantasie.

Zuvor ist, durch ein paar Madrigale eher aufgeblasen als bereichert, Monteverdis „Combattimento“ zu erleben: karg gehalten, in der Doppelung des Liebespaares durch zwei Tänzer ein wenig stilisiert, aber letztlich auch eine vertane Chance. Da hilft es wenig, dass der (im zweiten Teil durch die Potsdamer Kammerakademie verstärkten) Lauttencompagney unter Wolfgang Katschner der Zeitsprung spielend gelingt.

Von Schwertergeklirr und barockem Lamento zu urbanem Lärm und Großstadtblues ist’s da nur ein kleiner Schritt, die Showeffekte beider Stücke werden mit Verve und Lust an Farbe und Dramatik ausgespielt. Letztlich, so scheinen Katschner und seine Musiker zu behaupten, sind diese Berichte vom Leben und Sterben aus mehr oder weniger fernen Zeiten nichts anderes gut gemachte Unterhaltung – Operninfotainment sozusagen. Und ob das alles nun wahr ist oder nicht, spielt eigentlich keine Rolle.

Wieder am 19., 23. u. 26. Februar sowie am 4., 26. u. 28. März.

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