Kultur : Gefühlsdusel

Zauberer der Gitarre: Zum Tod von Gary Moore

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Foto: AFP
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Manchmal kommt man als Musikkritiker um die Vokabel „gniedeln“ nicht herum, beschreibt sie doch einen in der Rockmusik ebenso häufigen wie meist schwer erträglichen Tatbestand: das schier endlos in die Länge gezogene Gitarrensolo. Es gab Legionen schlimmer Gniedler – und vielleicht eine Handvoll begnadeter. Zu denen gehörte Gary Moore. Wie wenige seiner Kollegen beherrschte Moore die Kunst, in minutenlangen Soloexkursionen den Tonverästelungen des Bluesschemas Gefühl einzuhauchen.

Geboren 1952 in Belfast, beeindruckte ihn als Teenager das fließende Spiel des Fleetwood-Mac-Gitarristen Peter Green. Mit 16 stieg Moore bei der Bluesrock-Band Skid Row ein, denen sich kurzzeitig auch Phil Lynott anschloss, der mit Thin Lizzy bald eine ungleich erfolgreichere Gruppe aus der Taufe hob. Moores eigene Projekte machten dagegen wenig Kasse: Mit Colosseum II, der Neuauflage einer legendären britischen Jazzrock- Band erlitt er in den Siebzigern ebenso kommerziellen Schiffbruch wie zunächst mit seiner eigenen Gary Moore Band, weswegen er mehrmals als Aushilfe bei Thin Lizzy anheuerte. Dank seiner herausragenden Technik wurde er zu einem begehrten Sessionmusiker, der unter anderem für Andrew Lloyd Webber, Rod Argent und den Heavy-Metal-Schlagzeuger Cozy Powell spielte.

Doch erst in den Achtzigern nahm Gary Moores Karriere richtig Fahrt auf. Gerade im Kontrast zur Künstlichkeit der dominierenden Synthiepop-Sounds wurde die handwerkliche Ehrlichkeit seiner Songs von einer stetig wachsenden Hörerschaft geschätzt. Waren Mitte des Jahrzehnts schon die epischen Gitarrenrocker „Empty Rooms“ und „Out in the Fields“ samt der dazugehörigen Alben beachtliche Charterfolge, landete Moore 1990 mit der klassischen Powerballade „Still got the Blues“ in diversen europäischen Ländern einen Top-10-Hit.

Moores singendes Gitarrensolo übernahm dabei eine arabeskenreiche Melodieführung, die entfernt an Lionel Richies Superhit „Hello“ erinnerte – was diesen nicht zu stören schien. Weniger begeistert zeigte sich der Gitarrist Jürgen Winter, der Moore bezichtigte, die Tonfolge von einer 1974 entstandenen Aufnahme seiner Krautrockband Jud’s Gallery geklaut zu haben. Nach einem über Jahre geführten Plagiatsprozess bekam Winter 2008 in erster Instanz recht. Bis dahin konnte Moore seinen späten Ruhm genießen, der es ihm ermöglichte, ohne finanzielle Sorgen berühmte Kollegen wie George Harrison, B. B. King, Jack Bruce oder Ginger Baker für seine Platten zu buchen. Am Sonntag ist Gary Moore unter noch ungeklärten Umständen im spanischen Urlaubsort Estepona verstorben. Der König der Gniedler wurde 58 Jahre alt. Jörg Wunder

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