Kultur : Gefühlte Energie

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ALL THAT JAZZ

Christian Broecking erläutert

den Run auf norwegischen Jazz

Amerikanische Musiker und Komponisten wie George Russell, Don Cherry, Ornette Coleman und Keith Jarrett haben den europäischen Jazz in den Sechziger- und Siebzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts entscheidend geprägt. Auch für den norwegischen Saxofonisten Jan Garbarek ist die amerikanische Erfahrung prägend gewesen. Mitte der Sechziger lernte er beim MoldeFestival den Pianisten und Komponisten George Russell kennen, der wie der Trompeter Don Cherry damals auch in Skandinavien lebte. Garbarek berichtet, dass jene Erfahrung von unbegrenzter Energie und Freiheit – die Gewissheit, dass es keine falsche Note gibt, dass nur Gefühl und der Fluss der Musik zählen – seine Spielhaltung grundlegend verändert hat.

Drei Jahrzehnte später wurde die junge europäische Szene in den Vereinigten Staaten zum Thema, als in der „New York Times“ zu lesen war, dass der neue Jazz nicht mehr in den USA erfunden und gespielt wird, sondern in Europa, in Paris und Oslo – von Europäern, nicht mehr von Amerikanern.

Das Statement der „New York Times“ ist vor allem deshalb bemerkenswert, da man es in der so genannten Heimat des Jazz nicht gewohnt war, über den eigenen Tellerrand zu schauen. Die europäische Jazzszene diskutiert ihre Emanzipation von den großen amerikanischen Vorbildern hingegen schon lange. Für den norwegischen Pianisten Bugge Wesseltoft, Chef und Ideengeber von „jazzlandrecords“, ist die Verlagerung der Aufmerksamkeit auf die europäische Szene eine gute Entwicklung. Er behauptet, dass die letzten kreativen Töne aus den USA mindestens schon vierzig Jahre alt sind.

Seitdem habe sich das Zentrum für neue, spannende Musik mehr und mehr nach Europa verlagert. Seine langjährige musikalische Partnerin, die Sängerin Sidsel Endresen, begrüßt es ebenfalls, dass die amerikanische Jazz-Dominanz in der öffentlichen Wahrnehmung bröckelt. Billie Holiday und Chet Baker hätten anfangs großen Einfluss auf sie gehabt, bis sie herausfand, dass die stilistischen Klischees, die es im so genannten Jazzgesang gibt, für sie nicht funktionieren. Bei allem Respekt für Ella Fitzgerald und den Scat-Gesang habe sie diese Musik eigentlich nie wirklich hören mögen, gesteht Endresen. Deshalb schaute sie sich nach anderen Quellen um und nach neuen Wegen, die Stimme als Instrument einzusetzen. Das ethnische Segment wurde für sie zur Inspirationsquelle.

Keine Frage, die europäische Jazzszene fühlt sich heute gerade dank kreativer, mutiger Musiker und Sängerinnen wie Sidsel Endresen emanzipierter und innovativer denn je. Sie hat nun endlich einmal die Aufmerksamkeit, die ihr im Schatten der großen amerikanischen Jazzstars jahrelang versagt worden ist. Doch auch die New Yorker Szene fühlt sich keineswegs abgesagt, auch wenn neue Töne von ihr zurzeit nur sehr spärlich kommen. Für Sidsel Endresen ist es somit nur eine Frage der Zeit, dass sich die Dinge auch wieder ändern werden. Und bis dahin genießt sie den Run auf die norwegische Szene. Ihr neues Album „Merriwinkle“ ist gerade bei jazzland (Universal) erschienen – diese spannende Exkursion in elektronisch verfremdete Soundwelten bringt die mehrfach ausgezeichnete Sängerin nun in Originalbesetzung auf die Live-Bühne. Am Donnerstag im Quasimodo (22 Uhr).

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