Kultur : Gefühlte Geschichte

Er möchte sein Publikum nicht in Geiselhaft nehmen, sagt Regisseur Wolfgang Becker. Kino hat für ihn etwas mit Freiheit zu tun. Trotzdem gilt er als Perfektionist. Am kommenden Wochenende wird sein neuer Film „Good Bye Lenin“ bei der Berlinale uraufgeführt

Christiane Peitz

Am 9. November 1989 fährt Wolfgang Becker zu einem Freund nach Zehlendorf, weil der ihm beim Einrichten seines ersten Laptops helfen will. Als er mit seinem weißen Volvo Amazone über die Avus brettert, schlagen die Glocken im Rathaus Schöneberg, und Becker fährt zum Checkpoint Charlie. Irgendwann in der Nacht landet er in Ostberlin und macht eine Straßenbahnfahrt. Steigt ein, ruft der Schaffner, ich mach ’ne Stadtrundfahrt, habe ja nichts anderes zu tun.

Becker ist ein guter Erzähler. Schön, die drei Trabis vor dem Westberliner Restaurant Florian, die er in der gleichen Nacht noch entdeckte. Noch schöner: „der Wimpernschlag der Geschichte“. Und tragikomisch, wenn er am Grenzübergang ausgerechnet jenen Filmproduzenten entdeckt, der gerade die Rechte an Thorsten Beckers „Bürgschaft“ erworben hat. Die Geschichte einer Freundschaft im geteilten Deutschland scheint am 9. November plötzlich passé. Alle jubeln, und dem Produzenten geht es gar nicht gut.

In jeder Komödie steckt eine Tragödie – und umgekehrt. Wolfgang Becker, der Filmemacher, balanciert gerne auf dem schmalen Grat zwischen den Stimmungen. Das tat er schon in „Das Leben ist eine Baustelle“ von 1997, jener zartbitteren Filmerzählung von der Liebe in den Zeiten der Kohl-Ära und vom Leben, das im Westberlin der achtziger Jahre immer nur irgendwie weitergeht, anstatt endlich anzufangen. Auch in „Good Bye Lenin“, seinem neuen Film, der im Wettbewerb der Berlinale uraufgeführt wird und am 13. Februar in die Kinos kommt, bewegt er sich zwischen den Genres. Dabei geht es um das Gegenteil: um viel zu viel Anfang für jene, die beim Mauerfall im Osten Deutschlands wohnten. Ein Anfang, der nicht sein darf, weil Mutter Kerner (Katrin Sass) ins Koma fällt und ihr Sohn Alex (Daniel Brühl) den Fortbestand der DDR simulieren muss, als sie nach der Wende wieder aufwacht. Jede Aufregung wäre lebensgefährlich.

Wolfgang Becker, 1954 im Sauerland geboren, lebt seit vielen Jahren in Berlin-Kreuzberg, seine Tochter macht gerade Abitur. Ein Wessi dreht einen Film über Ossis? Die Ost-West-Frage mag Becker nicht. Es sei viel schwerer, als Mann einen Film über eine Frau zu drehen. Außerdem gehe es um Mutter und Sohn, um das Lügen aus Liebe – eine universelle Geschichte. Der Mauerfall bilde nur den Hintergrund. Schlamperei sei dennoch nicht gestattet, die lenke nur ab. Bei Becker, der in den Siebzigern in Berlin unter anderem Geschichte studierte, gibt es keine Schlamperei. Für diesen Perfektionismus ist er so berühmt (und bei seinen Schauspielern berüchtigt), dass das „Munzinger“-Personenlexikon ihn eigens vermerkt: „B. gilt nicht als Künstler bequemer Kompromisse. Der detailversessene Perfektionist vertraut auf zeitaufwändige Arbeiten mit künstlerischem Anspruch.“

Becker lacht. Ja, die Details sind wichtig. Deshalb kann er die Chronik der Wende auswendig hersagen, deshalb hat sein Szenenbildner Lothar Holler für Ostmöbel, Ostklamotten und Ost-Lebensmittel gesorgt, und deshalb hat Daniel Brühl, der Wessi aus Köln, während der Dreharbeiten ständig frisch gebrannte CDs voller DDR-Lieder von ihm bekommen. Und die Kernersche Plattenbau-Einheitsnorm-Wohnung wurde im Studio nachgebaut, im Maßstab 1:1,5. Damit die Kamera sich ein bisschen bewegen kann.

Ist er das endlich: der große deutsche Film zur Wiedervereinigung? Nein, Becker wehrt sich erneut. Dies sei keine Geschichtsstunde, er habe vielmehr am Spiel mit Geschichtsfälschungen Gefallen gefunden. Denn nicht nur Alex fälscht die Ereignisse seiner Mutter zuliebe. Schon die Medienberichte von damals seien bei genauerem Hinsehen alles andere als wahrheitsgetreu. Die Kinofiktion stellt die Wirklichkeit in Frage. Mit einem lachenden und einem weinenden Auge.

Wenn schon Historie, dann die der Gefühle. Gemeinsam mit seinem Co-Autor Lichtenberg hat sich Becker mit Leuten getroffen, die 1989 zwanzig Jahre alt waren. Und sie erzählten ihre Geschichten, ihr Lebensgefühl von damals, viele unterschiedliche Lebensgefühle. Becker, dieser gründliche, seinen Filmfiguren oft bewegend nahe kommende Regisseur, ist ein Gefühlshistoriker. Er schaut auf die Menschen und versucht, an ihren Haltungen und Handlungen zu entziffern, was in ihnen vorgeht. Das tat er schon in „Schmetterlinge“, seinem Abschlussfilm nach dem Regie-Studium an der Berliner dffb. Ein strenges Schwarzweiß-Werk nach einer Erzählung von Ian McEwan: Ein Mädchen ertrinkt, ein junger Mann lässt es geschehen, geredet wird kaum. Auch sein Fernsehfilm „Kinderspiele“ (1993) ist so bildermächtig wie wortkarg: eine Jugend in den sechziger Jahren. Meine Jugend, sagt Becker, und man erschrickt. Geht es doch um einen Jungen, eine hilflose Mutter und einen gewalttätigen Vater. Um die kleinen Fluchten hinaus in die Fantasie und hinein in einen mörderischen Befreiungsschlag.

Die ganz gewöhnliche Familie: Das ist Beckers Thema, immer wieder. Die abwesenden Eltern, der Kriegschauplatz, die Wahlverwandtschaft (in der „Baustelle“) und nun, in „Good Bye Lenin“, ihre Rettung mithilfe einer trotzigen Illusion. Beckers sanftester, versöhnlichster Film. Ein Publikumsfilm, sagt er. Aber einer, der sich nicht anbiedern will.

Bitte nicht die Fünfjahres-Frage. Die schmerzt, sagt Becker. Vier Spielfilme seit 1986, dazu ein „Tatort“ und ein Celibidache-Porträt. Immer fragen sie ihn, warum es so lange dauert von einem bis zum nächsten Film. Wegen des Perfektionismus? Nein, sagt Becker, wegen der Drehbücher. Für sein Sonnenfinsternis-Projekt von ’99 fehlt bis heute ein gutes Buch. Und als er sich mit Bernhard Schlink wegen der Filmrechte am „Vorleser“ schon schon fast handelseinig war, kam Hollywood, und Anthony Minghella schnappte sich den Stoff. Pech gehabt.

Erzählen ist das eine, Dialoge schreiben etwas anderes. Er könne gut inszenieren, aber Dialoge seien nicht seine Stärke. Und dass darin auch eine Schwäche von „x-filme“ liege, der Autorenfilmer-Firma, die er mit Tom Tykwer, Dani Levy und Stefan Arndt 1995 gegründet hat. Im Zweifelsfall schreiben alle ihre Drehbücher selbst – was auch die anderen nicht unbedingt könnten. Schickt mir Drehbücher, ruft Wolfgang Becker. Eines wie das von Bernd Lichtenberg, aus dem „Good Bye Lenin“ entstand. Wobei Becker „x-filme“ trotzdem verteidigt: Ohne die tatkräftige Schnittberatung von Tykwer wäre der Film wohl nie fertig geworden wäre.

Vielleicht lässt sich die Fünfjahres-Frage auch mit Hilfe der Musik beantworten. Wenn Becker auf seine zweite Liebe neben dem Kino, die klassische Musik zu sprechen kommt, findet er kein Ende. So ist das mit leidenschaftlichen Menschen. Sie beginnen zu schwärmen, verlieren sich in den kleinsten Details, verteidigen alles und jedes und stehen sich vor lauter Liebe selbst im Weg. „Ich möchte“, sagt Becker, „das Publikum nicht in Geiselhaft nehmen. Es soll sich alleine in meiner Geschichte zurechtfinden können.“ Deshalb ist er ein Kontrollfreak, deshalb verirrt er sich zeitweise, auf dem Weg zu seinen Filmen: wegen der Freiheit des Zuschauers.

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