Kultur : Gegen das radikal Böse

Günter Brakelmanns Biografie des Widerstandskämpfers Peter Graf Yorck von Wartenburg.

Hannes Schwenger

Vor einigen Jahren hat Günter Brakelmann bereits eine Biografie Helmuth James von Moltkes veröffentlicht, dem Gastgeber und Mitverschworenen des „Kreisauer Kreises“ im Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Moltke, der in den Prozessen gegen die Männer des 20. Juli zum Tode verurteilt und hingerichtet wurde, war bereits vor Stauffenbergs missglücktem Anschlag auf Hitler verhaftet worden, noch bevor die Gestapo das Ausmaß der Verschwörung erkannt hatte. So kam es, dass sein nächster Freund Peter Yorck von Wartenburg erst nach dem versuchten Umsturz, am Abend des 20. Juli, im Bendlerblock verhaftet wurde. In der geplanten Reichsregierung des Widerstands war er als Staatssekretär des designierten Kanzlers Goerdeler vorgesehen – übrigens zum Missfallen mancher seiner Freunde, die Goerdelers konservative Grundhaltung allzu eng fanden.

Das galt wohl auch für Moltke, der ebenso ein Attentat zur Herbeiführung des Regimewechsels abgelehnt hatte. Er vertrat die Meinung, „dass wir eine Revolution brauchen, keinen Staatsstreich“. Aber Stauffenberg hatte Yorck von Wartenburg nach Moltkes Verhaftung offenbar überzeugt, sich doch einem Kabinett Goerdeler nach erfolgtem Staatsstreich zur Verfügung zu stellen. Brakelmann ist überzeugt: „Er wusste höchstwahrscheinlich von dem von Friedrich Olbricht, Henning von Tresckow und Claus von Stauffenberg ausgearbeiteten Plan ,Walküre’ für einen Militärputsch, und er teilte mit Goerdeler die Einschätzung, dass ein militärischer Staatsstreich dringend notwendig war.“ Deshalb habe er zuletzt die Zusammenführung des militärischen und des – von den Kreisauern repräsentierten – zivilen Widerstands für notwendig gehalten. Dennoch haben zuletzt beide Freunde, Moltke und Yorck von Wartenburg, für ihre Entscheidungen mit dem Leben bezahlt.

Günter Brakelmann, der in den 70er Jahren Direktor der Evangelischen Akademie Berlin war, leuchtet in seiner Biografie Yorcks tief in die Konstellationen des Widerstands hinein, um das persönliche Profil Peter Yorcks von Wartenburg sichtbar zu machen. Anders als im Falle des Ehepaars Helmuth und Freya von Moltke stehen ihm dafür nur wenige persönliche Zeugnisse zur Verfügung, da seine Frau Marion ihre Korrespondenz nach Yorcks Verhaftung vorsorglich vernichtet hat; nur einige Briefe an seine Mutter und Schwester blieben erhalten. Auch über seine politische Beurteilung der Kriegsereignisse – die Kriegseintritte Englands und Frankreichs, den Hitler-Stalin-Pakt – und sein dienstliches Wirken im „Wirtschaftsstab Ost“ wissen wir so wenig, dass Brakelmann pauschal einräumen muss, er sei als Mitarbeiter dieser Behörde, einem Teil des Oberkommandos der Wehrmacht, nicht nur Zeuge und Mitwisser von Ausbeutung und Völkermord durch die deutschen Besatzer in Osteuropa geworden. „Wenn er auch nicht persönlich ein Kriegsverbrechen begangen hat, so war er doch verstrickt in die Verbrechen der deutschen Wehrmacht. Genau hier lag das persönliche moralische Problem vieler Männer im Widerstand … Sie waren Gefangene in einem System, das sich nicht durch einen einfachen moralischen Aufstand aufbrechen, sondern nur durch eine organisierte politische Konspiration mit dem Ziel der Anwendung militärischer Gegenmacht überwinden ließ.“ Brakelmann möchte deshalb „in aller Vorsicht“ vermuten, dass Yorcks vertieftes Glaubensbekenntnis zu einem vergebenden Gott auch der Erkenntnis eigener Mitschuld entsprang: Er habe sie als Verpflichtung verstanden, „sich für ein radikal Neues gegen das radikal Böse einzusetzen“.

Das könnte auch eine Differenzierung erklären, mit der Yorck die Staatstheorie seine Freundes Moltke ergänzte, die letzte Bestimmung eines gerechten Staates sei dessen Auftrag als Hüter der Freiheit des Einzelmenschen. Yorck leitete aus der „Rückbezogenheit“ von Einzelmensch und Gemeinschaft eine „Kumulation von Recht und Pflicht“ des Einzelnen ab, „die Freiheit für sich selbst umzuwerten zu der Freiheit für die anderen, die nach meinem Dafürhalten nur die Grundlage staatlichen Lebens sein kann“. So versuchte er, die Freiheitsgarantie für den Einzelnen mit seiner staatsbürgerlichen Verantwortung zu verknüpfen. Deren letzten Grund und Inhalt des Staates wollte er aber dort finden, wo er von den Menschen als „Trieb göttlicher Ordnung“ empfunden werde. Für den Theologen Brakelmann ist damit zum ersten Mal ein theologisches Argument in die Staatsauffassung der Kreisauer eingeführt, und es scheint – auch vom dritten Kreisauer Freund, Otto Heinrich von der Gablentz, unterstützt – als Beitrag einer theologischen Ethik in sie eingegangen zu sein.

Zum Schluss, schreibt Brakelmann, habe Yorcks Glaube „immer stärker endzeitliche Züge“ angenommen. Harald Poelchau, der Gefängnispfarrer von Tegel und unentdeckte Teilnehmer des Kreisauer Kreises, hat als Yorcks Abschiedsworte nach dem letzten gemeinsam gebeteten Vaterunser überliefert, er sei aus dem Gefühl der Gotteskindschaft nicht herausgefallen. Helmut James von Moltke überlebte den Freund um ein halbes Jahr. Ihre Gemeinsamkeit sei auch durch Differenzen nur gestört, aber nie zerstört worden, schließt Brakelmann mit kühnem Pathos, ihr Opfergang sei „später zum Fundament für ein anderes Deutschland“ geworden. Meint er das Deutschland Konrad Adenauers, den die Kreisauer 1943 in einer „Sonderweisung“ als „Landeshauptmann“ am Mittelrhein ausersehen hatten?







– Günter Brakelmann:
Peter Yorck von Wartenburg 1904-1944. Eine Biographie. Verlag C. H. Beck, München 2012. 336 Seiten, 24,95 Euro.

1 Kommentar

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben