Kultur : Gegen die Wände

Sind Sammler die besseren Kuratoren? Die Kunsthalle Kiel lässt ihre Kollektion neu einrichten

Katrin Wittneven

Wie ein trutziger Gruß aus einer anderen Zeit steht sie da, die Ritterrüstung in der Kunsthalle zu Kiel. Sie bildet den Auftakt zur Ausstellung „See History 2005. Der private Blick.“ Nachdem Kunsthallendirektor Dirk Luckow im vorigen Jahr seine Mitarbeiter eingeladen hat, Schätze aus den Depots zu holen und neu zu arrangieren, sind es nun 17 private Sammler, die Werke aus den Beständen der Kunsthalle und der eigenen Kollektion kombinieren. Zu den Akteuren, deren Auswahl für ein ganzes Jahr zu sehen ist, zählen Größen wie Harald Falckenberg, Wilhelm Schürmann, Wolfgang Wittrock, Reiner Speck und Erika Hoffmann. Aber auch Christian Dräger, Spezialist für spätklassizistische und romantische Zeichnungen, und ein anonym bleibender Liebhaber von maritimen Motiven sowie Nachwuchssammler wie Ivo Wessel aus Berlin oder Rik Reinking aus Hamburg sind dabei.

Vielfältig wie die Sammlerpersönlichkeiten sind auch die von ihnen eingerichteten Räume. Anregend wirkt Schürmanns assoziativ-verschachteltes Gedankenspiel mit historischen und aktuellen Texten und Bildern rund um eine kugelrunde Bombe des belgischen Künstlers Kris Martin, die in hundert Jahren explodieren soll. Auf Kontraste setzt auch die Sammlerfamilie Grässlin, die eine Porträt-Bildwand von Martin Kippenberger beisteuert. Aug’ in Aug’ gehängt, beobachten sich die krude Ansammlung von Mediengesichtern und die ähnlich arrangierte Auswahl an Porträts von Paula Modersohn-Becker und Franz von Lenbach gegenseitig misstrauisch.

Wie eine Blitzidee beim Brainstorming erscheint der Raum des Wuppertaler Werbeprofis Christian Boros. Er bringt die Installation „Temporarily Placed“ nach Kiel, das Krankenhausbett samt lebensechter Wachsfigur, mit der das Künstlerduo Elmgreen und Dragset 2002 den Preis für junge Kunst der Nationalgalerie gewann. Aus dem Bestand der Kunsthalle kommt Gerhard Richters Gemälde „Abendstimmung“ von 1969 dazu, an dem der blauäugige Kranke nun konsequent vorbeiguckt. Die Installation, die im Hamburger Bahnhof wie ein subversiver Kommentar auf die kränkelnde Institution Museum wirkte, erscheint hier kaum als laues Echo. Der anfängliche Charme der Frechheit ist verpufft. „Ich kaufe Kunst, die ich nicht verstehe“, hat Boros griffig formuliert. Ein Satz, der ebenso wenig weiterhilft wie Luckows Hinweis auf das nahe liegende Krankenhaus. Anderen gelingt durchaus eine Neubelebung der Bestände: Der 1976 geborene Rik Reinking, der bereits als Jugendlicher begonnen hat, Kunst zu sammeln, entschied sich für Detlev Conrad Bluncks 1850 entstandenes Gemälde „Die Kinder des Neustädter Arztes Karl Krah“. Er kombinierte es mit Till Gerhards düsterem Familienbild „Urlaub von sich selbst“, einem dreikragigem Hemd von John Bock und Fotografien von Stefan Panhans, auf denen die Grenzen zwischen Werbung und Realität verschmelzen. Mit einem Mal werden die Kinder auf Bluncks Gemälde zu Klonen – der Raum zum feinsinnigen Kommentar auf die Durchlässigkeit von Innen- und Außenwelt, Identität und Masken.

Einen „Dreistufenplan“ hat sich der ehemalige Galerist und Sammler Paul Maenz für die Kunsthalle überlegt. Zunächst wählte er eine Reihe von Landschaftsdarstellungen überwiegend aus dem 19. Jahrhundert, hängte sie ohne Rahmen direkt an die Wände. Vom bedeutungsschweren Ballast befreit, setzt Maenz die Gemälde einer neuen Beurteilung aus – der sie größtenteils locker standhalten. Anschließend bat er den 1974 geborenen Künstler Markus Sixay um eine „künstlerische Reaktion“. So kam der präparierte Ritter ins Haus, der jedem, der ihn berührt, einen leichten elektrischen Schlag verpasst. Als dritte Stufe des Plans bietet Maenz nun an, die Skulptur der Kunsthalle zu überlassen „als zeitgenössischen Kommentar zu den historischen Beständen“. So gut das Raumkonzept aufgehen mag und die Geste nobel erscheint, so deutlich wird auch die Problematik des Beziehungsgeflechts von Institution und Sammler. Denn Sixay ist ein Künstler, der von einer Berliner Galerie vertreten wird, der Maenz nahe steht. Und auch wenn hier keiner unmittelbare merkantile Interessen verfolgt, kann es für einen noch jungen Künstler durchaus interessant sein, dass seine Arbeit in den Besitz der Kunsthalle übergeht.

Sammler, auch das verdeutlicht die Kieler Ausstellung, sind keineswegs nur naive Wohltäter, waren es vielleicht nie. Auch wenn das Bild der Passionierten, die blind ihren Leidenschaften folgen, verführerisch ist, unterstützen viele von ihnen Künstler auch als kluge Strategen. Angesichts leerer Museumskassen hat sich ihre Relevanz im letzten Jahrzehnt für das gesamte Kunstgeschehen noch einmal deutlich verstärkt. Sie halten den Ball am Rollen, füllen Ausstellungsräume oder ganze Museen, stiften Preise und sitzen in Jurys – mit stark variierendem Verantwortungsbewusstsein. Fast scheinen Sammler in ihrer Bedeutung die Kuratoren abgelöst zu haben, die in den neunziger Jahren über Künstlerkarrieren entschieden haben.

Die Kieler Ausstellung gibt ein Abbild der aktuellen Situation, wenn auch ein positives, da Luckows Spitzensammlern eben doch in erster Linie die Kunst am Herzen liegt. Daneben hat der überhitzte Markt aber auch Spekulanten auf den Plan gerufen, die, je nachdem wie der Wind sich dreht, kaufen und verkaufen. Der Hype verführt offenbar selbst Mäzeninnen wie die Fürstin Gloria von Thurn und Taxis, die im November erstmals einen Teil ihrer Sammlung zeitgenössischer Kunst bei Philips de Pury & Company versteigern lassen wird – um von dem Erlös neue Kunst zu erwerben. Neuerdings ziehen immer mehr Sammler ihre „Dauerleihgaben“ aus Museen ab. Nach Hans Grothes Vertrauensbruch in Bonn und Dieter Bocks Kahlschlag im Museum für Moderne Kunst in Frankfurt wurde in dieser Woche bekannt, dass auch der Wolfsburger Hans-Joachim Bönsch seine in Göppingen untergebrachte Kollektion wieder abholen will. Ein grundsätzliches Umdenken im Verhältnis von Sammlern und Museen, Macht und Märkten ist dringend nötig.

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