Kultur : Gegen die Welt

Das Grips Theater und die Academy Bühnenschule zeigen das Jugendstück „Keinen Schritt weiter!“.

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Partyrausch. Die Nachwuchsschauspieler in Aktion.Foto: Etienne Girardet/Pacifico Grafik Images
Partyrausch. Die Nachwuchsschauspieler in Aktion.Foto: Etienne Girardet/Pacifico Grafik ImagesFoto: Etienne Girardet/»Pacifico Graf

Hoch die Tassen! Allmählich kommt die Party in Schwung. Die Beats stampfen, die Flaschen kreisen, Nonsenswitze machen die Runde: „Was ist der Unterschied zwischen einem Adler? Beide Flügel sind gleich lang, besonders der rechte.“ Im Vollrausch kann man darüber bestimmt lachen. Und wenn dazu noch ein paar illegale Substanzen eingeworfen werden, verflüchtigen sich Sinnfragen aller Art erst recht. Die Jungs und Mädchen, die hier tanzen, trinken und albern, zelebrieren den ganz normalen Kontrollverlust, inklusive Kollaps und Kotzen. Bloß wird die Feier ein böses Ende nehmen. Weil einer von ihnen eine Grenze überschreitet und jede Handlung Folgen hat. Unabsehbare manchmal. Oder meistens.

„Keinen Schritt weiter!“ heißt das Stück, mit dem das Grips-Theater im Podewil sommerlich früh seine Spielzeit eröffnet (wieder im September). Ein Projekt, das den Rahmen sprengt, in mehrfacher Hinsicht. Erstmals kooperiert das Grips mit der Academy Bühnenschule für Jugendliche, die seit zehn Jahren in der Alten Feuerwache Kreuzberg Nachwuchskünstler zwischen 13 und 19 Jahren unterrichtet. In den Sparten Schauspiel, Tanz und Gesang. Für die Talentiertesten dauert die Ausbildung zwei Jahre und schließt mit einer Produktion. Die Academy macht damit kaum Schlagzeilen, obwohl ihre Absolventen nicht selten ins Rampenlicht finden. Prominentestes Beispiel: Ivy Quainoo, Gewinnerin der ersten Staffel des TV-Castings „The Voice of Germany“.

Unter 40 Bewerbern hat der belgische Theatermacher Gregory Caers im Mai elf Jugendliche aus dem Pool der Bühnenschule ausgewählt und zur „Grips & Academy Masterclass“ formiert. Ein fertiges Stück gab es zu Probenbeginn nicht, stattdessen bekamen die Kids Aufgaben. „Mach eine Liste von allem, was du nicht verstehst“, oder: „Überschreite jemandes Grenze“. Aus dem Material, das dabei entstand, wurden Texte und vor allem auch Choreografien entwickelt. „Physical Theatre“ nennt Caers seinen körperbetonten Ansatz, mit dem er in Gent Furore gemacht hat. Die Tanzpassagen zählen auch in „Keinen Schritt weiter!“ zu den stärksten Momenten. Caers und seine Ko-Leiter – die Academy-Chefin Rachel Hameleers und der junge Regisseur Jörg Schwahlen („Leon und Leonie“) – ziehen ein Entfesselungsspiel auf, das die gewohnte Grips-Ästhetik aufs Erfrischendste weitet.

Die Party läuft in Momentaufnahmen ab. Wie gestochen scharfe Polaroids. In einer Bühnenbox aus Jalousien begegnen sich die Jugendlichen zum Feierauftakt, frieren in ihren Bewegungen immer wieder ein, mit ausgebreiteten Armen und strahlendem Grinsen, mit der Flasche in der Hand oder dem Deo unterm Arm. Der gesteigerte Rausch vollzieht sich mal in Slowmotion, mal in wild pulsierenden Gruppenchoreografien: Bilder eines Trips, der nach Auflösung strebt. Der Energielevel des jungen Ensembles ist beachtlich. Die Elektro- und Ambientbeats, die Tanja Pannier dazu komponiert hat, pumpen zusätzliche Kraft in die Szenen.

Immer wieder tritt eine oder einer aus dem Kreis der Feiernden vor ein Mikrofon. Zum Verhör aus dem Off – „Wo waren Sie an besagtem Abend?“. Oder zur Reflexion über Grenzen, Freiheit und die menschliche Natur. Große Themen, klar. Aber weil die jungen Künstler selbst die Vorlagen geliefert haben, klingen ihre Ausführungen nicht geschraubt. Sondern eher nach wütendem Sturm gegen eine Welt, die so unverständlich bleibt wie das Chinesisch, in das die Spielerin Jing Xiang mitunter verfällt. Letztlich geht es in dieser lebendigen, nachdenklichen und auch komischen Produktion um die Erkenntnis des Unbeherrschbaren. Da greift die Chaostheorie: So wie der Flügelschlag des Schmetterlings einen Wirbelsturm auf einem entfernten Kontinent entfacht, kann der Fehltritt auf einer Party Unbeteiligte ins Unglück stürzen. Dann steht die Frage im Raum, wer Schuld hat. Und Antworten gibt es keine. Patrick Wildermann

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