Kultur : Geheime Grooves

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ALL THAT JAZZ

Christian Broecking über

die Rückkehr einer Legende

Ein Glockenspiel kreischt, die Violine furzt, ein Wecker klingelt, der Posaunist spielt unisono, der Master of Ceremony spricht von Wahrheit und bemüht kulturelle Codes. Darunter Blues-Riffs. Den Weihnachtsabend 1969 verbrachte Roland Kirk mit „ausgewählten Instrumenten“ auf der Bühne des New Yorker Jazzclubs Village Vanguard, um seinen neuen Namen zu preisen: Rahsaan Rahsaan. Er erzählte von Träumen, die er ausmalte, von Spirits, die ihn umgeben. In jedem Ton war zu spüren, dass das Jahrzehnt des Soul Jazz vorbei ist.

Eine Woche später nahm eine schwarze Band mit weißem Frontmann, Eric Burdon declares „WAR“, den Titel „The Vision of Rassan“ auf. Burdon in der Funktion des kulturellen Mittlers, er projizierte die afroamerikanische Musik und Erfahrung - Memphis Slim, Tobacco Road, Soul und Vision - endgültig in das Bewusstsein eines Millionenpublikums. In Burdons gerade erschienener Autobiografie, „My Secret Life“ (Palmyra), wimmelt es von Erinnerungen an Jimi Hendrix, Kirk oder Dr. Nina Simone. Kirk und Hendrix beschreibt Burdon als zwei wirklich bedeutende musikalische Visionäre. Als die beiden sich begegneten, habe es sofort zwischen ihnen gefunkt, schreibt Burdon. Obwohl Eric Burdon damals viel dazu beigetragen hat, schwarze Musik und Musiker einem großen neuen und jungen Publikum bekannt zu machen, traf er nicht nur bei Nina Simone zunächst auf große Skepsis.

Zu oft hatten die afroamerikanischen Künstler Weiße gesehen, die mit ihren Songs die schnelle Karriere und das große Geld machten, während sie leer ausgingen. Wie es ist, durch Knebelverträge an undurchsichtige Plattenbosse gebunden zu sein, davon weiß Burdon einen Blues zu singen, auch davon, wie es sich anfühlt, wenn man mehrmals im Leben ein Vermögen macht und es dann wieder verliert. Am Mittwoch stellt Eric Burdon seine Autobiografie und einige Titel seiner neuen CD, die ebenfalls „My Secret Life“ (SPV) heißt und diese Tage erscheint, im Quasimodo vor (22 Uhr).

Das Tin Hat Trio von der amerikanischen Westküste spielt Musik, die nach Tom Waits riecht. Als würde er am Mischpult sitzen und Regie führen, so sehr, so minimal, so viel Sound, so viele Zitate - bis er dann wirklich im letzten Titel ihrer CD, „Helium Reprise“, auch als Sänger zu hören war. Diese Band klingt nach weißer amerikanischer Musikfolklore, nach Bluegrass, Country und europäischen Immigranten. Beim letzten Berliner JazzFest konnte man es genau hören: Tin Hat groovt! Mit Akkordeon, Gitarre und Geige eine Besetzung, wie man sie aus der großen Zeit der Wiener und Pariser Kaffeehäuser kennt, weniger aber von der New Yorker Avantgarde-Szene, der sich dieses Trio prägende Einflüsse verdankt. Schwermütig, listig, sinnlich, schnell. Morgen im Kesselhaus in der Kulturbrauerei (21 Uhr).

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