Kultur : Geheime Helfer hinter Wänden

ULRICH CLEWING

Die neue Gemäldegalerie beherbergt nicht nur über 1200 Meisterwerke der europäischen Kunstgeschichte, sie rangiert auch in puncto Museumstechnik auf höchstem Niveau.Das fängt an im Werkstatt- und Depottrakt.Dieser Teil des neuen Museums ist der sogenannte Blockschloß-Bereich.Vereinfacht ausgedrückt, funktioniert das wie die Zentralverriegelung bei einem Auto.Wird eine der Türen geöffnet oder geschlossen, öffnen oder schließen sich auch alle anderen Türen.Das mag zunächst widersinnig klingen, erklärt sich aber, wenn man weiß, daß zum Betätigen der Schlösser ein icotron-Schlüssel notwendig ist.In diesem Schlüssel ist ein persönlich zugeordneter Chip eingebaut, der im Schloß prüft, ob dessen Träger berechtigt ist, die betreffende Tür zu öffnen.Auch registriert der icotron-Schlüssel, wenn die Tür nicht sofort wieder abgeschlossen wird, wie es die Regelung vorschreibt.Kein Museum kann hundertprozentigen Schutz vor Diebstahl bieten, doch mit diesem System ist die Gemäldegalerie gewappnet, so gut es geht.

Das gilt auch für alle anderen technischen Bereiche.Zum Beispiel für das Binnenklima.Die ideale Raumtemperatur für die Aufbewahrung von Kunstwerken liegt bei angenehmen 22 Grad Celsius, die Luftfeuchtigkeit sollte 55 Prozent nicht übersteigen.Die alten, gläsernen Thermohydrographen freilich, die in Dahlem und dem Bodemuseum zum Zweck der gleichmäßigen Klimatisierung installiert wurden, haben in der neuen Gemäldegalerie ausgedient.Um sicherzustellen, daß die Normwerte eingehalten werden, arbeitet dort in allen Räumen eine hochmoderne Anlage.In die Wände eingelassene Sensoren übermitteln die Meßergebnisse an eine zentrale Kontrollstation im Depot.

Es ist schon verblüffend, wie Magazinverwalter Peter Scheel per Tastendruck die aktuellen Daten für jedes einzelne Bild am Rechner aufruft.Das Schlimmste, was einem Gemälde passieren kann, ist eine abrupte Temperaturänderung.Holztafeln sind dabei am meisten gefährdet.Denn in solch einem Fall reagieren das Holz und der darauf aufgebrachte Gipsgrund unterschiedlich, wodurch die Farbsubstanz rissig werden und abplatzen kann.Um dies zu verhindern, wird zweimal am Tag kontrolliert - vormittags und nachmittags.Nach einem ähnlichen Prinzip werden auch die UV-Strahlung und die in Lux gemessene Helligkeit in den Ausstellungsräumen überwacht.

Eine andere entscheidende Verbesserung des Umzugs betrifft die Organisation der Depots.Die 1500 Bilder, die nicht in der ständigen Sammlung ausgestellt sind, werden in einem großen Raum an querstehenden Gitterwänden aufbewahrt.Diese Gitterwände sind mit kugelgelagerten Schienen an der Decke befestigt und lassen sich mit einer Hand herausziehen.So kommt zur neuen Übersichtlichkeit ein bislang unbekannter Leichtlauf - kein Vergleich zu den alten Depots in Dahlem und auf der Museumsinsel.In Dahlem hingen die Gemälde kreuz und quer in schmalen, kaum mehr als ein Meter breiten Durchgängen; im Bodemuseum dienten mächtige, doppelseitig behängte Holzwände als Zwischenlager für die Bilder.Im Depot sind die Gemälde im übrigen nicht nach Künstlernamen geordnet, sondern nach Katalognummern.Grund: Zuschreibungen können wechseln, die Katalognummer aber bleibt einem Bild ein ganzes Museumsleben lang erhalten.

Auf gleiche Art werden die Bilderrahmen magaziniert.Sie sind in einzelne Schulen eingeteilt.Auch hier besteht der Vorteil vor allem in der dazugewonnenen Übersicht über die Bestände, ein Vorzug, der angesichts mehrerer tausend Einzelstücke nicht zu unterschätzen ist.Der überwiegende Teil der Rahmen sind Nachbauten.Im Zweiten Weltkrieg waren Gemälde und Rahmen getrennt ausgelagert.Während die meisten Gemälde das Exil unbeschadet überstanden, verbrannten die Rahmen, so heißt es zumindest, im Flakbunker Friedrichshain.

Unter den original erhaltenen Rahmen stammen viele aus der Werkstatt von Karl Friedrich Schinkel, der als königlich-preußischer Staatsbaumeister auch für die Pflege der Gemäldesammlungen in den Hohenzollern-Schlössern zuständig war.Über dessen Arbeit ist man heute allerdings nicht mehr so glücklich, handelt es sich dabei doch um stereotype, schlicht gefertigte Modelle, die einfache, streng klassizistische Profile tragen und darauf applizierte, aus Blei gegossene Palmetten.Massenware, würde man heute sagen.

Die enge Zusammenarbeit zwischen den Museumsleuten und den Architekten zeigt sich auch in der Lage der Depots.Sie befinden sich auf demselben Stockwerk wie die Ausstellungsräume.Das bedeutet: Die Wege sind kurz, es gibt keine Treppen zu überwinden und keine verwinkelten Gänge.Dadurch wird der Transport der Bilder wesentlich erleichtert, auch kann nun ein Hilfsmittel wie die "Giraffe" zum Einsatz kommen, eine mobile Hebebühne, mit der selbst größte Formate umplaziert werden können.Früher haben bis zu acht Leuten an einem Gemälde geschleppt.

Hinter den Kulissen passieren aber auch noch ganz andere Dinge: So wurden hier unter großem Aufwand die Hängedrähte für die Gemälde gestrichen - in der jeweiligen Wandfarbe.Fünfzehn Kilometer Draht mußten dafür entfettet, vorgestrichen und lackiert werden.Auch die außer Haus gehenden Leihgaben der Gemäldegalerie werden hier von den Restauratoren bearbeitet.Wenn die Alten Meister reisen, dann tun sie das in Klimakästen, die - siehe oben - ihre Temperatur möglichst konstant halten.Der Rolls Royce unter den Klimakästen ist die sogenannte Thyssen-Vitrine, ein nach dem Sammler Thyssen-Bornemisza benannter, hermetisch geschlossener Glasrahmen, der auf einen Blick erkennen läßt, um welches Bild es sich handelt.Auch das stellt eine erhebliche Arbeitserleichterung dar.Die Fürsorge für Werk und Personal hat jedoch ihren Preis: Rund 5000 Mark kostet ein Exemplar dieses gläsernen Luxus-Koffers.

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