Kultur : Geheime Wunden

Liebeserklärung an den Vater und Reflexion über das Schreiben: Orhan Pamuks Nobelpreisrede

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Man hatte es schon am Titel erkennen können, den die schwedische Akademie vorab auf ihrer Website verriet, „Der Koffer meines Vaters“. Und Orhan Pamuk selbst hatte es in Interviews immer wieder angekündigt: Seine Nobelpreisrede würde sich nicht um Politik drehen, schon gar nicht so eine flammend politische Rede werden, wie sie Harold Pinter im vergangenen Jahr gehalten hatte.

Pamuks Rede, die er gestern Abend im alten Stockholmer Börsensaal hielt, ist einerseits eine Liebeserklärung an seinen 2002 verstorbenen Vater. Noch mehr ist sie aber eine Reflexion über die Entstehung von Literatur, eine Rede darüber, was es bedeutet, wenn man sein Leben dem Schreiben widmet. Die Rede hebt an damit, wie der Vater zwei Jahre vor seinem Tod Orhan Pamuk einen Koffer mit Manuskripten übergibt und zu ihm sagt, er solle diesen erst nach seinem Tod öffnen: „Dann kannst du ja sehen, ob irgendwas Brauchbares darunter ist, das sich dann veröffentlichen ließe.“

Diese Ausgangssituation nutzt Pamuk, um das Geheimnis des Schreibens zu ergründen und davon zu berichten, „was ein Mensch betreibt, der sich in ein Zimmer zurückzieht, sich an einen Tisch setzt und versucht, mit Papier und Stift Zeugnis von sich abzulegen: Literatur“. Der verschlossene Koffer dient Pamuk auch dazu, seine Rede dramaturgisch geschickt aufzubauen und den Koffer als vorläufigen Höhepunkt nach der Hälfte der Rede (und natürlich zu seines Vaters Lebzeiten) zu öffnen. Zwei Gefühle schildert Pamuk, die der Inhalt und das Anlesen der väterlichen Schreibversuche in ihm auslösen: „Zum einen das Gefühl des Provinzialismus und zum anderen die Sorge um die Authentizität.“ Letzteres rührt daher, dass er nicht den ihm bekannten väterlichen Ton in dessen vor allem in jungen Jahren geschriebenen Heften wiederfindet. Die Angst des „Nicht-Authentischen“ stellt Pamuk dann auch bei sich selbst fest, und er schlussfolgert: „Schriftsteller zu sein, bedeutet für mich somit auch, die geheimen Wunden, die wir in uns tragen und von denen wir höchstens in Ansätzen wissen, zu erkennen, uns geduldig damit auseinanderzusetzen, sie herauszuarbeiten und sie zu einem ganz bewussten Teil unseres Schreibens und unserer Persönlichkeit zu machen.“

Das Gefühl des Provinzialismus, das Pamuk beschleicht, ist wiederum eine Variation aus Pamuks Istanbul-Buch. Mit den Augen des Westen sahen die Istanbuler bevorzugt ihre Stadt, und als ein sich durch die große Bibliothek des Vaters lesender Junge hatte auch Pamuk das Gefühl, abseits zu stehen, nicht nur von der übrigen Welt, sondern gerade auch literarisch: „Es gab außerdem eine Weltliteratur und deren ebenfalls weit von mir entferntes Zentrum. Eigentlich meinte ich mit Weltliteratur damals die westliche Literatur, und wir Türken waren auch von ihr ausgeschlossen. Die Bibliothek meines Vaters bestätigte mir das nur.“

Es ist dies der Punkt, an dem Pamuk kurzzeitig über das eigene Schreiben und den Vater hinauskommt und zu grundsätzlichen Menschheitsproblemen überleitet, „die Furcht ausgeschlossen und unbedeutend zu sein, verletzter Nationalstolz, (...) Erniedrigungsphantasien, damit einhergehend nationalistische Prahlerei und Überheblichkeit.“ Auch aus der Literatur und dem Reden über das Schreiben lassen sich politische Aspekte entwickeln, auch und gerade durch die Literatur lässt sich die Welt neu, vielleicht gar besser gestalten.

Man kann Orhan Pamuk nur dafür bewundern, wie er auch in Stockholm Erwartungen unterläuft, die durch die Verleihung des Literaturnobelpreises an ihn geweckt worden waren, Erwartungen poltischer Natur, und das noch viel konsequenter, als vor Jahresfrist in Frankfurt mit seiner Friedenspreisrede. Wie nahtlos er mit dieser privaten, das Schreiben feiernden, auch kunstreligiösen Rede an seine Essays „Der Blick aus meinem Fenster“ und an „Istanbul“ anknüpft. Gerade der Vater ist in „Istanbul“ zwar beschrieben als sympathischer, lebensfroher Mann, für seine Söhne scheint er jedoch nur unzureichend da zu sein, ohne dass Pamuk das groß beklagen würde. Istanbul ist ihm – die Erinnerungen sind beredter Ausdruck davon – Ersatz genug.

Doch wie sehr die Nonchalance des Vaters, dessen Schreibversuche im Paris der vierziger Jahre und dessen stumme, körperbetonte Freude über Pamuks ersten Roman „Cevdet Bey und seine Söhne“ Orhan Pamuk ermutigt haben, sein Leben ganz der Literatur zu widmen, auch davon zeugt diese Nobelpreisrede nachhaltig.

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