"Geheimer Krieg" : Deutsche Drohnenspiele

Das Buch "Geheimer Krieg" der Autoren Christian Fuchs und John Goetz widmet sich der Rolle Deutschlands im Kampf der US-Truppen gegen den Terror. Es wird deutlich: Auf dem Bundesgebiet geschieht mehr, als die Verfassung erlaubt.

von
US-Drohne "Reaper": Gesteuert aus Stuttgart
US-Drohne "Reaper": Gesteuert aus StuttgartFoto: dpa

Es liest sich wie ein Spiel großer Jungs: in Luxushotels einmieten, um den besten Blick auf eine bisher geheime Frankfurter CIA-Zentrale gegenüber zu erhaschen. Oder mit dem Auto eine Einrichtung der NSA nahe Darmstadt, den mysteriösen „Dagger-Komplex“, umkreisen, bis die Polizei kommt.

Die Journalisten Christian Fuchs und John Goetz leisten in ihrem Buch „Geheimer Krieg“ beste Detektivarbeit. Über Jahre hinweg – schon lange vor den Enthüllungen Edward Snowdens – haben sie den amerikanischen Einrichtungen bei ihrer Arbeit auf deutschem Boden auf die Finger geschaut. Mal mit der Auswertung riesiger Datenbanken, mal mit dem tatsächlichen Fernglas in der Hand. Fuchs und Goetz haben es sich zur Aufgabe gemacht, Gegenspionage zu betreiben: Daten über die Datensammler zu sammeln.

Entstanden ist ein Buch, das nun viel Geheimes sichtbar macht. Die Autoren beschreiben detailliert, wie die CIA mithilfe ihres Logistikzentrums in Frankfurt Geheimgefängnisse in aller Welt aufbauen konnte – die Anlage, eben von der Suite eines Luxushotels aus observiert, ist nun nicht mehr geheim. Sie weisen auch erstmals nach, wie in der US-Kommandozentrale Africom von Stuttgart aus Drohneneinsätze in Afrika gesteuert und mutmaßliche Terroristen aus der Luft getötet werden.

Deutschland ist ein Pfeiler der US-Sicherheitsarchitektur - auch abseits der Verfassung

Seit 2008 hat Africom seinen Sitz in Baden-Württemberg, was dort geschah, basierte bisher vor allem auf Vermutungen. „Geheimer Krieg“ zeigt nun auf: Deutschland ist ein verlässlicher Pfeiler der amerikanischen Sicherheitsarchitektur – und das offenbar nicht immer verfassungskonform. Die Ansiedlung von Africom sei weder vom Bundestag noch im Verteidigungsausschuss debattiert worden. Dabei wäre dies für eine Basis, die außerhalb des Nato-Gebiets operiert, zwingend. Auch habe die Bundesregierung Einrichtungen des amerikanischen Militärs in Deutschland in den vergangenen Jahren mit mehr als einer halben Milliarde Euro unterstützt. Immer wieder spielen die Autoren den Ball nach Berlin, schauen, wie viel parlamentarische Kontrolle es über das gibt, was amerikanische Dienste auf deutschem Staatsgebiet tun. Ernüchtert stellen sie einen Widerspruch zwischen der „Selbstwahrnehmung der Deutschen und dem Handeln ihrer Regierung“ fest.

"Geheimer Krieg" von Christian Fuchs und John Goetz
"Geheimer Krieg" von Christian Fuchs und John GoetzFoto: Promo

Vieles im Buch basiert auf Recherchen in Auftragsdatenbanken der Regierung in Washington. „Die ist um einiges transparenter als die deutsche“, sagt Christian Fuchs. Aus den Datenbanken gehe hervor, welche Art Spezialisten und Aufträge das US-Militär sucht. 270 000 Dokumente gibt es nach Angaben der Autoren allein für Deutschland.

Fuchs und Goetz haben Erfahrung als Investigativreporter. Beide sezierten bereits im Buch „Die Zelle“ das Geflecht aus NSU-Terroristen und Verfassungsschutz. Ihre Recherchen über die amerikanische Sicherheitspolitik begleiteten sie mit der Homepage geheimerkrieg.de. Die Seite zeigt mit multimedialen Spielereien auf, was sich hinter den weißen Flecken auf der deutschen Landkarte verbirgt. Denn genau das sei vor sieben Jahren der Startpunkt ihrer Recherche gewesen, sagt Fuchs: "Wir sahen ausradierte Stellen auf GoogleMaps und fragten uns, was da wohl Heimliches geschieht." Neben der Karte stellen Fuchs und Goetz ihre Rechercheergebnisse als Open-Data-Projekt auf der Homepage zur Verfügung. Es soll die Leser zum Weiterforschen animieren. Dass auch die Autoren am Ball bleiben, ist gewiss: Jüngst reiste Goetz zudem mit dem Grünen-Politiker Hans-Christian Ströbele zum Snowden-Besuch nach Moskau.

Fuchs und Goetz selbst machen keinen Hehl daraus, dass sie mit ihren Recherchen eine Agenda verfolgen. Die Empörung über den „geheimen Krieg“ in Deutschland ist deutlich spürbar. Das wirkt an manchen Stellen im Buch aufdringlich – aber die Recherchen von Fuchs und Goetz sind nun mal kein Spiel großer Jungs. Sondern eine ernste Sache.


– Christian Fuchs, John Goetz: Geheimer Krieg. Wie von Deutschland aus der Kampf gegen den Terror gesteuert wird. Rowohlt Verlag, Reinbek 2013. 256 Seiten, 19,99 Euro

Autor

8 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben