Kultur : Geheimnis des Verlusts

So zärtlich war Ostpreußen: Siegfried Lenz verwandelt Heimat in Literatur

Katrin Hillgruber

Wer einmal die Stimme von Siegfried Lenz gehört hat, vergisst ihr Timbre nicht mehr. Anfang der siebziger Jahre trat der langjährige Mitarbeiter des NDR-Hörfunks als Erzähler seiner masurischen Geschichten „So zärtlich war Suleyken“ (1955) auf – im Fernsehen. Der „scharmutzierende Girlandenstil in echtem Masurisch“, wie es in einer Kritik hieß, die „jemitlich“-verschmitzte Klangfarbe des Ostpreußischen droht aus dem Kanon der lebenden deutschen Mundarten zu verschwinden. Der am 17. März 1926 in Lyck (heute Elk) geborene Lenz beschwor mit seinen Begebenheiten rund um Tantchen Arafa und ihre dienstbaren, aber begriffsstutzigen Neffen Franz und Bogdan mit liebevollen Schalk eine Atmosphäre herauf, die im Mai 1945 unwiederbringlich vergangen war. Das verspielte Innehalten des Doppelpunkts, die vorauseilenden Verben, die nicht auf die Substantive warten wollen, all diese Eigentümlichkeiten grundieren das zu Weltruhm gelangte „hochdeutsche“ Erzählwerk von Lenz.

„Meine Heimat lag sozusagen im Rücken der Geschichte“, schrieb er im Nachwort zu „So zärtlich war Suleyken“. Und über seine Landsleute befand der 29-Jährige Neu-Hamburger: „Sie besaßen eine Seele, zu deren Eigenarten blitzhafte Schläue gehörte und schwerfällige Tücke, tapsige Zärtlichkeit und eine rührende Geduld.“ Wegen seiner elementaren Verlusterfahrung gehörte Lenz in den sechziger Jahren zu den ersten prominenten Stimmen, die beklagten, dass die Bundesrepublik keine diplomatischen Beziehungen zu Polen unterhielt. Im Dezember 1970 begleiteten er und der gebürtige Danziger Günter Grass Bundeskanzler Willy Brandt auf seiner berühmten Reise nach Warschau. Die Anerkennung der Oder-Neisse-Grenze trug den beiden Schriftstellern wütende Proteste Heimatvertriebener ein.

Weitere Anfeindungen erlitt „der Moralist, der nicht moralisiert“ (Gerhard Schröder) 1978 bei Erscheinen seines – neben der „Deutschstunde“ (1968) – zeitgeschichtlich bedeutendsten Romans „Heimatmuseum“. Das belastete auch seine kürzlich verstorbene Frau Lieselotte. Überzeugt, dass „Weltkunde mit Heimatkunde beginnt“, präsentierte Lenz erneut ein historisches Panorama: Zygmunt Rogalla entschließt sich nach der Flucht aus Masuren nach Schleswig-Holstein, sein Lebenswerk in Gestalt eines geretteten Heimatmuseums zu verbrennen, da er die Aneignungsversuche rechtsradikaler Heimatverbandsfunktionäre nicht erträgt. Egon Günthers Verfilmung stieß vor allem in Polen auf großes Interesse.

Schon in der Rahmenhandlung von Lenz’ auch international erfolgreichstem Roman „Deutschstunde“ war es um einen Rechenschaftsbericht gegangen: Siggi Jepsen, Insasse einer Jugendstrafanstalt, brütete über einem Aufsatz zum Thema „Die Freuden der Pflicht“ und fabulierte sich immer tiefer in seine Erinnerungen an das Aufwachsen im Nationalsozialismus hinein. Der eher konventionell schreibende, an seinem großen Vorbild Hemingway geschulte Siegfried Lenz hatte forthin sein Etikett als „Musterschüler“ weg. Bis heute gelingt es ihm, in seinem eigentümlich keuschen Werk (Gesamtauflage: geschätzte 25 Millionen) menschliche Schicksale und gesellschaftliche Fragen so miteinander zu verknüpfen, dass sich breite Leserschichten angesprochen fühlen. Zuletzt 2003 im Roman „Fundbüro“: Auch er thematisiert das Mysterium des Verlusts. Ungeahnte Aktualität gewinnt auch „Der Mann im Strom“ von 1957: Ein alternder Hamburger Hafentaucher fälscht sein Geburtsdatum, um vermeintlich seinen Arbeitsplatz zu sichern.

Bei der Verleihung des Thomas-MannPreises an Lenz 1985 sagte Marcel Reich-Ranicki einen provokanten Satz: Mit dem Erscheinen des ersten Buchs „Es waren Habichte in der Luft“ des damals 25-Jährigen (seitdem hält er Hoffmann und Campe die Treue) sei Lenz’ Biografie, jedenfalls die öffentliche, abgeschlossen gewesen. Eine Herausforderung für einen Biografen. Doch Erich Maletzke paraphrasiert in seiner recht biederen „biographischen Annäherung“ in weiten Teilen nur die Essay-Sammlung „Selbstversetzung“. Zwar kann er mit Neuigkeiten zu Lenz’ Desertion als Marinesoldat in Dänemark aufwarten, doch spart er nicht mit selbstgerechten Urteilen über einzelne Bücher.

Da empfiehlt sich der Blick ins Original – in das Werk eines Autors, der Schreiben unprätentiös als eine Form der Selbstbefragung versteht, als „beste Möglichkeit, um Personen, Handlungen und Konflikte verstehen zu lernen“. Vom verschwundenen Zeitungskorrespondenten über das im Norden so verlorene „Serbische Mädchen“ bis zum „Großen Zackenbarsch“ alias Reich-Ranicki: Siegfried Lenz’ überbordende Fantasie und seine zeitlose stilistische Brillanz lassen sich in den Erzählungen unmittelbar erleben.

Außer dem Jubiläumsband mit Erzählungen auch aktuell bei Hoffmann und Campe: S. Lenz.: Selbstversetzung. Über Schreiben und Leben ( 128 S., 25 €). Das Rundfunkwerk. Hg. von Hanjo Kesting. 2 mp3-CDs (28 Stunden, 99 €). Erich Maletzke: Siegfried Lenz. Eine biographische Annäherung. (zu Klampen, 204 S., 16 €). S. Lenz: Deutschstunde (dtv, 576 S., 10 €).

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