Kultur : Geheimnisse für Eingeweihte

Kein Künstler der Renaissance gibt derart viele Rätsel auf wie Giorgione: Die Ausstellung seiner wenigen Gemälde in Wien ist eine Sensation – und eine Erleuchtung

Bernhard Schulz

Als „Laura“ ist das „Bildnis einer jungen Frau“ bekannt, und lange Zeit hat man in ihr ein Idealportrait von Petrarcas Muse Laura gesehen. Dann hätte der im titelgebenden Lorbeer – lauro – gemeinte Verweis auf den Dichter einen für die Renaissance so typischen paragone, den Wettstreit der künstlerischen Gattungen bezeichnet, hier zwischen Dichtung und Malerei. Und als Sieger hätte sich der Maler betrachtet, der die im Gedicht nur mit Worten gepriesene Schönheit sinnlich erlebbar machen kann.

Doch die in Wien bewahrte „Laura“ ist nicht die Muse Petrarcas, denn jene war blond und blauäugig, diese aber hat braune Haare und Augen. Zudem galt Petrarcas Angebetete stets als Inbegriff der Tugend, bei der Wiener „Laura“ mit ihrer halb entblößten Brust hingegen scheint es sich eher um eine Kurtisane zu handeln. Schade. So ist selbst bei diesem, ausnahmsweise durch rückwärtige Signatur von 1506 als Auftragsporträt ausgewiesenen Gemälde Giorgiones unklar, wen es darstellt und noch mehr, welche Aussage es mitteilt. Und für wen? Die humanistischen Zirkel Venedigs, in denen der Giorgio da Castelfranco (um 1477-1510), der Maler aus jener Kleinstadt verkehrte, führten höchst verfeinerte und esoterische, womöglich gar häretische Diskurse, die mit ihrem Ableben wieder verloren gingen. Und Giorgione, der junge, bei Privatleuten geschätzte und mit Aufträgen bedachte, aber dennoch nicht zur öffentlichen Karriere ansetzende Maler, starb im Alter von nur 32 oder 33 Jahren bei einer der beständig hereinbrechenden Pest-Epidemien.

Giorgione: Dies ist der Name eines der größten kunsthistorischen Rätsel. Wenig ist über Person und Leben bekannt, das Wenige zudem seit Vasaris Künstler-„Viten“ von 1568 zurechtgelegt; noch weniger über seine Bilder, deren Zahl beständig schwankt, je nachdem, welches ihm oder dann doch einem anderen Autor zugeschrieben wird. Am allerwenigsten besteht Einigkeit über die Aussage der einzelnen Gemälde.

Nicht allein, aber auch wegen dieser Rätselhaftigkeit sind Giorgiones Werke seit 500 Jahren hoch begehrt. Das Kunsthistorische Museum in Wien, das selbst eine Reihe eigenhändiger oder doch seinem Umkreis entstammender Werke besitzt, hat darum eine einmalige Gelegenheit genutzt, eine Giorgione-Ausstellung auszurichten. Die Gelegenheit war die Restaurierung des Altarbildes von Castelfranco, das zu den wenigen gesicherten Werken des Malers zählt, und zu deren Abschluss die Accademia in Venedig unlängst eine Werkstattausstellung veranstaltete. Das Wiener Museum lieh zwei Hauptwerke und erbat sich umgekehrt die dortigen Stücke – und kann nun mit der Sensation aufwarten, dass „La tempesta“, „Das Gewitter“, das rätselhafteste der rätselhaften Werke, erstmals in seiner 500-jährigen Existenz die Lagunenstadt verlassen durfte.

Ergänzt wird die Wiener Ausstellung um weitere Leihgaben unter anderem aus Washington, Florenz und Berlin, so dass nunmehr 17 Tafeln versammelt sind, bei denen Giorgiones Autorschaft zumindest möglich erscheint; dazu eine Reihe von Vergleichsarbeiten etwa Tizians – des großen Malerfürsten der Serenissima im 16. Jahrhundert, der früher für einen Schüler und Werkstattkollegen gehalten wurde – oder auch Dürers, dessen für die nordeuropäische Renaissance so bedeutender Venedig-Aufenthalt genau in die Jahre von Giorgiones kurzer Tätigkeit fällt. Vor allem aber bietet das Kunsthistorische Museum das wissenschaftliche Hilfsmittel formatgleicher Röntgen- und Infrarotaufnahmen, die Aufschluss über den Entstehungsprozess der Rätselbilder geben.

Und darin stecken einige handfeste Überraschungen. So zeigt sich, dass das „Gewitter“-Bild am linken Rand ursprünglich nicht den stehenden jungen Mann aufwies, sondern eine im Flüsschen – womöglich einem Sinnbild des Lebensstromes – badende nackte Frau oder Nymphe. Bedenkt man, dass sich auf den jungen Galan die Interpretationen einmal als Familienbild des Malers, andererseits als Adam und Eva nach der Vertreibung aus dem Paradies oder gar hochgelehrt als Paris und Oinone aus der Vorgeschichte des Trojanischen Krieges stützen, wird die Tragweite solcher Befunde deutlich.

So müsste das Röntgenbild der berühmten Wiener „Drei Philosophen“, der eine eingerissene und vielleicht angestückte Leinwand bloß legt, eigentlich zum Zweifel an sämtlichen im Katalog angebotenen Deutungen führen. Läge es nicht nahe, zumindest als Ausgangspunkt das traditionelle Sujet einer Anbetung der drei Könige zu vermuten?

Denn die dunkle Farbfläche, die die linke Bildhälfte dominiert, muss nicht von Anfang an jene merkwürdige Höhle gewesen sein, die sie zu vielerlei Spekulationen anregt. Natürlich ist es weit aufregender, in den drei Männern – die im Übrigen die drei Lebensalter darstellen – Personifikationen der drei monotheistischen Religionen zu sehen, wie es ein Katalogbeitrag vorschlägt. Oder geht es um die unter den Humanisten zirkulierenden Ideen von Unheil bringenden Konstellationen der Gestirne, auf die die in der Tat merkwürdigen astronomischen Gegenstände in den Händen des mürrisch dreinblickenden Alten deuten? Um 1510 befand sich Venedig politisch in einer schwierigen, zu Pessimismus allen Anlass gebenden Lage.

Befriedigend ist keine der Deutungen, so sehr sie im Detail für sich einnehmen. Auf der Strecke bliebe bei allzuviel Sinnsuche ohnehin der künstlerische Gewinn, den Giorgione über seine venezianischen Vorgänger hinaus erzielt hat. Ausstellungskuratorin Sylvia Ferino-Pagden führt den im Kataloglabyrinth herumirrenden Leser ganz einfach zur Malerei zurück: Giorgione, schreibt sie, gelte heute „als eigentlicher Begründer der modernen Malerei Venedigs, als Vater der venezianischen Malerschule, die sich in den folgenden Jahrhunderten von Tizian bis Canaletto und Bellotto durch sinnliche Farbgebung, in Licht getränkte Atmosphäre und aufregend originelle Vergegenwärtigung des norditalienischen Ambientes, sei es nun Stadt- oder Naturlandschaft, auszeichnen sollte“.

Das ist es, was den Betrachter so fesselt: das suggestive Glühen der Farben, das eigentümliche Leuchten (über dessen physikalische Unmöglichkeit, wie im „Philosophen“-Bild mit der Beleuchtung von vorn bei gleichzeitig im Hintergrund sinkender Sonne, sich die Interpreten schon immer wunderten), die ganze bedeutungsschwangere Stimmung. Giorgione ist ein Maler zum Träumen, der – anders als seine Vorgänger aus der nüchtern schildernden Familie Bellini oder der nachfolgende Staatsmaler Tizian – den Raum öffnet für eigene Projektionen.

Die können durchaus auch handfest sinnlicher Art sein. Giorgione genoss, was Vasari hervorhebt, einen ausgezeichneten Ruf als Lautenspieler und Verehrer schöner Frauen – der ideale Partygänger inmitten der jeunesse dorée der venezianischen Gesellschaft. Seine in Wien versammelten Porträts sind von frappierender Modernität. Die Bildnisse jugendlicher Herren verkörpern nicht länger die Tugend etwa des zur Waffe gerufenen Kriegers, sondern die flirrende Sensibilität des jugendlichen Städters. Der Florentiner „Ritter mit seinem Knappen“ oder der Budapester „Brocardo“ – beider Gemälde Autorschaft ist strittig – stellen Individuen dar, keine Vorbilder.

Mit seinem leisen sfumato, dem wie in dünnem Rauch sich verwischenden, eher dunklen Kolorit knüpft Giorgione an Leonardo an. Doch lenkt er den Blick zugleich auf prachtvoll leuchtende Farbfelder, wie etwa den dunkelroten, pelzverbrämten Mantel der „Laura“ am unteren Bildrand. Vielleicht ist dies eines der Geheimnisse der Malkunst Giorgiones, dass er immer wieder ablenkt, indem er Kontraste zwischen den Bildpartien aufbaut wie im „Gewitter“, wo der Betrachter mal auf die säugende Mutter schaut (die jedenfalls nicht das herkömmliche Motiv der Maria lactans darstellt) oder eher auf den geradezu beiläufig zuckenden, doch ungemein präsenten Blitz inmitten des blaugrün dräuenden Himmels. Oder auf den rotgewandeten Jüngling.

Keine dieser Fragen beantwortet die Wiener Ausstellung. Wohl aber geben sie und der begleitende Katalog Anregungen in Fülle, das rätselhafte Werk Giorgiones mit frischem Blick zu betrachten. Giorgione in Wien ist ein Höhepunkt des Jahres – ein Höhepunkt der abendländischen Kunst.

Wien, Kunsthistorisches Museum, bis 11. Juli. Katalog bei Skira, 35 €. – www.khm.at

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