Kultur : Geheimnisträger treffen Siegertypen

BERLINALE-ABSCHLUSSGALA Bangen Momenten vor der Preisverleihung wird mit diskreten Tipps vorgebeugt

Andreas Conrad

Das moderne Festivalwesen ist mit der Entwicklung der zivilen Luftfahrt engstens verknüpft – das ist bekannt, in seinen Konsequenzen gerade für eine Preisverleihung aber vielleicht nicht jedem bewusst. In der West-Berliner Steinzeit war es nicht unüblich, dass die silbernen, ja selbst goldene Bären stellvertretend entgegengenommen wurden, nicht von den längst wieder abgereisten Stars also, sondern vom Produzenten des jeweiligen Films oder auch seinem Assistenten, vielleicht gar vom Unterassistenten. Das ist zweifellos besser geworden, aber einen Star aus Amerika auf die Schnelle per Concorde einzufliegen, das geht leider nicht mehr. Aber natürlich bemüht sich die Festivalleitung, möglichst alle der Geehrten am Abend im Berlinale-Palast sitzen zu haben – was angesichts der TV-Übertragung und der neuen Heimlichtuerei mit der Jury-Entscheidung noch größere Bedeutung erhält.

Ganz so geheim kann das freilich nicht sein. Dass alle Wettbewerbsteilnehmer abends mit angehaltenem Atem auf dem Kinosessel sitzen, wird keiner ernsthaft erwarten können, jedoch die offizielle Geheimhaltung der Preisträger bis zur Gala ist nur relativ. Den Geehrten wird schon signalisiert, dass ihr Film irgendeinen Preis erhalten hat und sie bitte zwecks Aushändigung desselben anwesend sein mögen, nur welchen, das sagt man ihnen nicht. Aber manch einer kann es sich wohl denken.

Ein letztes Mal also wurde am Sonnabend der Blumenschmuck im Berlinale-Palast erneuert, Vorbereitung auf ein glanzvolles Finale, wie schon die Eröffnungsfeier übertragen vom Kulturkanal 3Sat. Wieder war Heino Ferch engagiert worden, der hatte ja schon vor neun Tagen moderiert – und zuvor in dieser Funktion zweimal beim Europäischen Filmpreis brilliert. Wieder wird es einen Show-Act geben, die Zuschauer am Fernseher wollen ja nicht nur Freudentränen sehen. Beim Festivalstart war dies Max Raabe mit seinem Palast-Orchester, diesmal ist ein Auftritt von Nina Hagen geplant – aber nicht zu lang: Um 19 Uhr sollte die Schlussgala beginnen, um 20.15 Uhr beendet sein. Anschließend war die Vorführung von Sam Packinpahs „Pat Garrett jagt Billy the Kid“ geplant, mit James Coburn, Kris Kristofferson und Bob Dylan, der die Songs zu dem Western schrieb und spielte. Zum festen Bestandteil seiner regelmäßigen Berliner Konzerte gehört „Knockin’ on Heaven’s Door“, der berühmteste Song aus dem Film, der wiederum einem Film mit Til Schweiger den Titel gab.

Bei der Pressevorführung des Peckinpah-Films gestern Vormittag im Cinestar hätte es fast noch eine Panne gegeben: Zum angegebenem Zeitpunkt wartete vor dem Kinosaal eine große Menge von Schaulustigen, dennoch ging es nicht rein. Der zuständige Saal-Gewaltige der Berlinale war noch nicht da, das Kinopersonal erklärte sich für nicht befugt, die Absperrung freizugeben. Irgendwann griffen die Wartenden zur Selbsthilfe, räumten das Seil beiseite und strömten hinein. Echte Outlaws – wie im Wilden Westen.

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