Kultur : Geheimwissen

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MUSIKZIMMER

Diedrich Diederichsen über PunkRevivals und Boy-Groups

Mit den Punk Revivals sollte es langsam genug sein. Denkt man. Aber das wichtigste Punk-Revival geht jetzt erst los: Mit der sich zügig durchsetzenden Idee, Boy-Groups nicht mehr musikalisch an Soul und R&B auszurichten und ihre Choreografien nicht mehr von den großen schwarzen Quintetten der 50er und 60er Jahre abzuleiten.

Nein, seit Boy Groups Punk sind, erreicht das Punk-Revival jetzt eine Generation, die dafür sorgen wird, dass man noch in 20 Jahren quadratische Nahestaufnahmen schießen wird, in die Köpfe junger Männer in einer ganz bestimmten Schieflage aus verschiedenen Richtungen hineinragen: seit der ersten The Damned in einem genau festgelegten Winkel zueinander und mit leicht crazy verdrehten Augen. Diese Augen haben zwar Jugendliche heutzutage nicht einmal mehr in der Salzstangen und Partygebäck-Werbung, dennoch werden wir sie spätestens 2020 wiedersehen, bei der dann zu erwartenden Verarbeitung jetzigen Junggewesenseins. Dass die Generation, die gerade eine 20 Jahre zurückliegende Jugend verarbeitet, zunehmend auch den aktuell Pubertierenden das Bildmaterial liefert, ist mit knappen Distinktionsressourcen und Neo-Konservatismus aber nicht hinreichend erklärt.

Das Video zur aktuellen britischen Nummer eins, „Crashed The Wedding“ der Boy Group Busted, hat den Widerspruch gelöst, der zwischen Punk und choreografierter Werbung um minderjährige Mädchen liegen könnte. Die klassischen Bandfoto-Einstellungen klassischer Punk-Plattenhüllen werden als Eckpunkte genutzt und die Zwischenräume dienen der bewegten Verbindung zweier Punkte, dem Sprung oder der rhythmischen Hampelei: vom Damned-Cover zum Sham 69-Porträt. Die so emulierte Punk-Choreographie signalisiert durch präzise angetriggerte Bilder aus der kollektiven Rock-Memory „Punk“. Durch die errechnete Regelmäßigkeit des Gehüpfes entsteht die Choreografie und Verlässlichkeit der Boy Group. Die Trägheit des menschlichen Auges, die bereit ist zwei Bilder als Bewegung zu sehen, wenn diese nur schnell genug aufeinander folgen, wird sozusagen mit der kulturellen Trägheit synchronisiert.

Der recht antike Rebellen-Plot von der gestörten Hochzeitsfeier wird über fein austarierte Pop-Geschichts-Anspielungen erzählt, die am 16- jährigen Publikum als präzise Verweise genau so vorbeigehen werden wie sie als formenreiche Fashiondetails auf fruchtbaren Boden fallen dürften. Kinder mögen ja auch Simpsons-Episoden, die nur aus hochkulturellen Erwachsenen-Gedankenspielen bestehen und Schiller-Paraphrasen in Donald-Duck-Geschichten, während neulich in einem Lufthansa-Business-Jet gezählte drei von rund 30 Erwachsenen den neuen Harry Potter lasen. Wenn man jung ist, mag man das präzise Unverständliche, alte Leute ziehen das ungenaue Verständliche vor.

So wird die später von den emulierten Rebellen gestörte Hochzeitsmusik zunächst von liebevoll nachempfundenen Adam- &-The-Ants-New-Romantics, im Stile der mittleren Vivienne Westwood, zelebriert. Später ziehen weitere New-Romantic-Piraten durchs Bild. Und noch bevor man den Gedanken zu Ende formuliert hat, dass dieser „Punk“ hier am ehesten klingt wie die stumpf-populistische Proto-Skin-Musik der dritten, völlig vergessenen britischen Punk-Generation, erkennt man dass der eine süße Boy tatsächlich ein Antipasti-Shirt trägt. Das war eine von diesen blöden Bands. Auch dieses Geheimwissen interessiert die fünfzehnjährigen Girls nicht. Der Junge und sein geheimnisvoller Grund, gerade dieses Shirt mit diesem Logo zu tragen, natürlich schon.

In Japan habe ich mal in der J-Pop-Sektion eines CD-Kaufhauses eine gebildete grafische Anspielung nach der anderen auf Covern entdeckt, ja eigentlich kein einziges gefunden, das nicht auf typografischen Variationen, farbpolitischen Paraphrasen und subtil zitierten Sujets historischer, nur Kennern bekannten Plattenhüllen aufbaute. Allein, die Musik, um die es ging, J-Pop, ist eben auch eine Teenager-Musik, ohne historische Selbstverständigung. Ohne Distinktikonsgewinne über Kennerschaft und Nerd-Esoterik. Auch diesen Kids war es schnurz, dass ihre Platte in einer Hülle steckte, die den esoterischen Underground-Rockern Pearls Before Swine nachempfunden war. Sie hatte auch denkbar nichts damit zu tun. Es scheint eine Eigenschaft von Pop-Zeichen zu sein, dass sie einerseits immer präzise etwas anspielen, oft so langweilig präzise, dass außer dem Widererkennen und dem Stolz aufs Detailwissen nichts überschießt.

Dass aber diese Zeichen, gerade weil sie ohne Ambivalenz und semantischen Überschuss in ein Ziel treffen, für andere, die das Verwiesene nicht kennen, von prickelnder Präzision und wilder Wissenserotik sind und die Welt versprechen. Das Verweisziel muss dafür aber alt, tot oder weit weg sein. Sonst würde die Realität (zum Beispiel Punk) dieses Signifikats ihr Recht anmelden.

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