Kultur : Gehen beim Goethe-Institut die Lichter aus, Herr Hoffmann?

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Hilmar Hoffmann (74), einst Erfinder der Oberhausener Kurzfilmtage und zwei Jahrzehnte Kulturdezernent in Frankfurt am Main, ist seit 1993 Präsident des Goethe-Instituts. Heute wird im Bundestag über die finanzielle Zukunft des Instituts beraten, gleichzeitig tagt in München das Goethe-Präsidium. Mit Hoffmann sprach Eckhard Franke



Sie schauen auf ein halbes Jahrhundert bewegter und im ganzen erfolgreicher Kulturpolitik zurück. Woher haben Sie Ihre Kraft und Ihre Überzeugungen bezogen?

Aus der Erkenntnis eines Mannes, der im Ruhrgebiet groß geworden ist, der in einer Stadt wie Oberhausen schon früh mit Bergleuten und Hüttenarbeitern zu tun hatte, zunächst als Gründer und Leiter der Volkshochschule, und der dort ein Programm nach den Wünschen, aber vor allem nach den Defiziten eines größten Teils der Bevölkerung zu organisieren hatte - und das war zuallererst das Bildungsdefizit. Wir haben das Haus zu einer musischen Volkshochschule entwickelt - und die Leute mit attraktiven Künstlern in Konzerte gelockt, für die sie an und für sich nicht prädestiniert waren: getreu dem Motto von Brecht, aus dem kleinen Kreis der Kenner einen großen Kreis der Kenner zu machen. Denn jeder Mensch braucht Kenntnisse, um Kunst genießen zu können.

Das klingt schon ganz nach Ihrer berühmten Devise "Kultur für alle". Doch hat man den Eindruck, als seien Kunst und Kultur nicht mehr die Hätschelkinder der Politik.

Da ist was Wahres dran. Nehmen Sie die gegenwärtige Bundesregierung. Hans Eichel, den ich persönlich sehr schätze, fährt einen eisernen Sparkurs, geht mit dem Rasenmäher bis runter zur Grasnarbe und gefährdet wie im Fall der Goethe-Institute die weltweite Erfolgsarbeit von Jahrzehnten. Die Regierung hatte ja versprochen, sie wolle Prioritäten setzen. Doch davon sehe ich in der Aussenkulturpolitik nichts.

Als Kanzlerkandidat hatte Gerhard Schröder beteuert, kein Goethe-Institut schließen zu wollen. Nach seiner Intervention und der Zusage, unsere Sparauflage für 2000 von 14 Millionen Mark faktisch auf drei Millionen zu reduzieren, müssen wir "nur" noch elf Institute schließen.

Inzwischen ist aber von weiteren geplanten Schließungen die Rede.

Davon war in Zeitungsmeldungen voreilig die Rede. Jetzt müssen wir die zweite Lesung des Bundeshaushaltes diesen Mittwoch im Parlament abwarten. Hierauf werden wir reagieren - hoffentlich positiv.

Alle müssen sparen. Warum muss man dies nach Ihrer Ansicht gerade bei den Goethe-Instituten besonders vorsichtig tun?

Es hat nach 1945 viele Jahre gedauert, bis ein demokratisches Deutschland wieder Vertrauen hat bilden können im Ausland. Jetzt glaubt man, das Vertrauen sei nun gewonnen, Deutschland spielt wieder eine wichtige Rolle in der Welt, jetzt brauchen wir die kulturellen Hilfstruppen nicht mehr. Aber wenn Sie etwa in Coimbra, in einer der ältesten Kulturstädte Europas, das Goethe-Institut schließen, dann haben sie als Deutsche den portugiesischen Staatspräsidenten und die Bevölkerung gegen sich, die Künstler und die Intellektuellen, die Medien, und was an gegenseitiger Verständigung mühselig aufgebaut worden ist, haben sie über Nacht wieder zerstört. Jorge Sampaio, der Staatspräsident, hat mich bei einem Treffen vor allen Anwesenden beschimpft, dass diese Schließung eine barbarische Tat sei!

Wie reagiert denn Joschka Fischer als zuständiger Minister?

Joschka Fischer kenne ich ja aus meiner Frankurter Zeit sehr gut und weiss, man kann mit ihm eigentlich Pferde stehlen. Aber er steht loyal zum Finanzminister, der nun einmal beschlossen hat, diesen rigiden Sparkurs zu fahren. Deswegen versuchen wir jetzt über das Parlament, noch einen Sinneswandel herbeizuführen. Joschka hat mir viel Glück dazu gewünscht.

Gerhard Schröder, der sich anfangs nicht nur zum Holocaust-Mahnmal und zum Berliner Stadtschloss geäußert hatte, schweigt jetzt zurKulturpolitik.

Der Bundeskanzler hat das Thema Kultur ganz an Staatsminister Michael Naumann delegiert. Es ist ja gut, dass wir endlich diesen Staatsminister haben, um der Kultur und der Kulturpolitik einen neuen Stellenwert zu erstreiten. Aber der Bundeskanzler selber muss sich auch deutlich identifizieren mit der Kultur, mit den kulturellen Prozessen. Ich hatte ein erstes Gespräch mit ihm gehabt: eben mit dem Erfolg, dass wir höchstens die Hälfte der Institute schließen müssen, die nach den Sparvorgaben hätten geschlossen werden sollen.

Es gibt neben den objektiven Finanznöten der öffentlichen Hände in Deutschland neuerdings eine Stimmung, nach der sich der Staat aus der Kulturfinanzierung tendenziell zurückziehen solle. Es scheint, als werde das Akquirieren von Sponsorengeldern, das Klinkenputzen bei Banken und in der Industrie zur Überlebensstrategie der kulturellen Szene.

Das ist auch für mich im Moment die Hauptaufgabe. Die Goethe-Institute haben kaum noch Geld für kulturelle Veranstaltungen: Unsere Häuser in Paris, London, New York, Rom, die haben nur noch 125 000 Mark pro Jahr für Ausstellungen, Vorträge, Konzerte, Kolloquien, Einladungen. Ohne Sponsoren wäre es nicht möglich, überhaupt noch Nennenswertes zustande zu bringen - gerade auch in der Konkurrenz mit den Kulturinstituten anderer Länder. Ich denke an die Briten etwa, oder die Schweden, die allein in Paris für ihre kulturellen Veranstaltungen 800 000 Mark im Jahr ausgeben können. Ohne private Gelder sähe es bei uns noch trauriger aus.

Im Goethe-Jahr konnte beispielsweise am Schauspiel Frankfurt nur deshalb noch eine aufwendiger geplante Aufführung der beiden Teile des "Faust" inszeniert werden, weil Sponsoren immerhin eine Million für diese Produktion zusammentrugen. Das ist einerseits erstaunlich, andererseits wird Ländern und Kommunen so auch ein Teil ihrer Verantwortlichkeit für die öffentlichen Kulturinstitute abgekauft.

Wir erleben das ja selbst, wenn wir ein von der Schließung bedrohtes Institut wie das in Reykjavik oder Palermo mit privaten Geldern retten, und sich dann der damalige Aussenminister Kinkel in die Brust wirft: "Na sehen Sie, es geht doch auch so!" Auf der anderen Seite kann man ja gar nicht anders, als pragmatisch zu handeln und in Zeiten der leeren Kassen mit der Industrie und den Banken zusammen zu arbeiten, solange diese nicht in die Autonomie einer Institution einzugreifen versuchen, wie das in Amerika schon die Regel ist. Gleichwohl müss auch bei uns die Empfänger von Wohltaten eine Gegenleistung erbringen. Wenn mir einer eine Million gibt im Jahr für ein Goethe-Institut irgendwo in der Welt, dann soll er ruhig ein goldenes Schild am Eingang anbringen: "Sponsored by Bank X oder Industrieunternehmen Y". Da habe ich keinerlei Hemmungen mehr. Ich warne aber vor amerikanischen Sponsoren-Verhältnissen, die eine Hegemonisierung der Kultur durch das Kapital bedeuten.

Der Sponsor zahlt nach Gutdünken und er zahlt sporadisch. Stiftungen haben ein Profil und finanzieren verlässlich. Woran hapert es, dass nur 11 Prozent der 6500 Stiftungen in Deutschland der Kultur gewidmet sind, die Spitze aber dem Sport und dem Sozialen.

In den Banktresoren schlummern mehrere Billionen Mark an privaten Kapitalvermögen. Insofern ist es außerordentlich wichtig, dass das Stiftungsrecht endlich reformiert wird. In einem Gespräch mit Martin Kohlhaussen, dem Präsidenten des Bundesverbandes der deutschen Banken, habe ich gefragt, wieso diese Gelder nicht für Stiftungszwecke zu kapitalisieren seien, statt tot im Safe zu liegen. So entgehen ja jährlich etliche Milliarden an Zinsen.

Was hat Kohlhaussen geantwortet?

Er sagte, manche Leute seien sicher bereit, ein paarMillionen für ein Museum zu stiften oder für ein Goethe-Institut, wenn sie nicht befürchten müssten,dass dann das Finanzamt fragt, wo sie denn das Geld her haben und ob das auch ordnungsgemäss versteuert worden sei. Das heisst: Mit einem neuen Stiftungsrecht müsste gleichzeitig eine Amnestie einhergehen für jene potentiellen Stifter, die ihr Kapitalfür die Kultur oder meinentwegen auch für den Sport zur Verfügung stellen wollen, ohne dafür anschließend vor dem Kadi zu landen.

Hatten Sie mit solchen Fällen schon persönliche Erfahrungen?

Ein Beispiel: Ich hatte als Kulturdezernent in Frankfurt die Ikonensammlung eines bekannten Arztes als Schenkung akquiriert. Dessen Finanzberater aber riet dem Mediziner ab, da er die russischen Ikonen quasi in Form von "ästhetischen Naturalien" für die medizinische Beratung einiger Sowjetpotentaten erhalten hatte, ohne dass man das mit dem Finanzamt geregelt hätte. Da wir die Ikonen unbedingt haben wollten, haben wir mit den Finanzbeamten verhandelt, und die zeigten sich sehr entgegenkommend. Sie haben als nachträgliche Steuer drei der Ikonen im Wert von 80 000 Mark entgegengenommen und diese als Dauerleihgabe des Finanzamtes dem Ikonenmuseum übergeben. An dem Beispiel wird deutlich, wie sehr es sich Sammler überlegen müssen, etwas zu schenken, denn nicht in jedem Fall ist mit solch kunstsinnigen Finanzbeamten zu rechnen.

Bräuchten wir nicht gerade nach den defensiven 90er Jahren eine neue kulturpolitische Debatte, die für die Kulturföderung und -vermittlung wieder inhaltliche Ziele, vielleicht gar Utopien formuliert?

Diese Diskussion ist längst überfällig. Das Projekt "Kulturelle Zukunft"müßte insbesondere in der kommunalen Kulturpolitik, also in den Gemeinden, wo die Menschen leben und arbeiten, eine Herausforderung für das nächste Jahrhundert sein. Da ist aber auch Michael Naumann gefordert, diesen Diskurs in Gang zu setzen. Es gibt bis heute keine überzeugende Darstellung dessen, was Kulturpolitik zur Zukunftssicherung beitragen kann.

Und was wären Ihrer Meinung nach die wesentlichen Stichworte für eine Kulturpolitik im beginnenden 21. Jahrhundert?

Sie werden mich jetzt hoffentlich nicht für reaktionär halten, wenn ich sage, das Projekt "Kultur für alle" ist immer noch ein utopisches. Ich sage heute, "Kultur für alle" ist eine Prognose, keine Retrospektive. Das heißt, was mit den Steuergeldern aller aufgebracht wird, die kulturelle Infrastruktur, muss auch allen Menschen zugänglich gemacht werden. Wir müssen ein Bewusstsein dafür entwickeln, dass Kultur für jeden Einzelnen wichtig ist, für sein Selbstbewusstsein, seine Selbstfindung - das ist das große Projekt aufklärerischer Kulturpolitik. Und dafür brauchen Sie, auch wenn das altväterlich klingt, Vorbilder an der Spitze, die ihre Position und Wirkung wiederum nur mit Hilfe von Kultur und Bildung erreicht haben.

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