Kultur : Gehhilfe

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SCHREIBWAREN

Jörg Plath über

besoffene Satzmolche und andere Worttiere

Ein seltsames Paar: die Reflexion und das Erzählen. Bei Brigitte Kronauer sind sie gar unzertrennlich. Ihre Romane entstammen einem Zwischenreich. Aus dem „Berittenen Bogenschützen“ etwa ist mir Matthias Roth unvergesslich. Er geht in seiner „am Gesäß schon etwas glänzenden Hose“, der einzigen, „zu der er wirkliche Zuneigung empfand“, spazieren und hört den Satz: „Leere an Orten, an die sich die Erwartung fülliger Lebendigkeit knüpft, ist eine vielleicht wohl konstruierte vanitas.“ Auch „besoffene Satzmolche“ kennt die Hamburger Schriftstellerin in dem Roman „Teufelsbrück“ (Klett- Cotta) und leistet auch mit ihnen „Gedankentransporte“, die noch das geringste Ding aufheben und die Zeit. Brigitte Kronauer spricht heute Abend im Literarischen Colloquium (20 Uhr) über ihre Poetik.

Leere an Orten? Inzwischen kehren die Orte zurück. Einen spatial turn sieht der Historiker Karl Schlögel („Im Raume denken wir die Zeit“, Hanser) nach dem Fall der Mauer durch Europa, mit dem der Osten wieder zugänglich wurde, und nach dem Anschlag auf das World Trade Center. Auch in der deutschen Literatur macht sich die Topographie wieder bemerkbar: Wolfgang Hilbig hat in „Die Kunde von den Bäumen“ (S. Fischer) die Angstlandschaft DDR erkundert, Reinhard Jirgl in „Die Unvollendeten“ (Hanser) den aus der Tschechoslowakei Vertriebenen Stimmen verliehen. „Erinnerung und Fiktion“ ist der Titel eines Lesungsmarathons im Literaturhaus mit Hilbig, Jirgl, Norbert Gstrein und Ursula Krechel (5.12., 15 bis 19 Uhr). Zu Nikolaus folgen dann Katharina Hacker, Marcel Beyer, László Marton und Stefan Wackwitz (6.12., 11 bis 19 Uhr. Ab 20 Uhr setzen sich die Schriftsteller an einen Tisch und diskutieren Fragen, die die Lesungen aufgeworfen haben).

Am zweiten Advent kredenzt das Künstlerprogramm des daad in der Galerie (Kurfürstenstr. 58, 17 Uhr) Weihnachtsgebäck und Stollen zur Lesung des slowenischen Lyrikers Tomaz Salamun aus seinem neuen Gedichtband „Vier Fragen der Melancholie“ (Edition Korrespondenzen): „Zerhackt hast du mich, so dass ich/ den Kopf nicht mehr bewegen kann./ Ich fließe ab, während du tief atmend schläfst./ Du hast mich zu Tode gequält./ Ich werde mich dir nicht mehr widersetzen./ Doch bevor der letzte Tropfen/ abfließt, werde ich mir/ Gewalt antun und dich/ verwandeln in mein/ Denkmal.“

Zu einem solchen ist längst Ossip Mandelstam geworden. Der sowjetische Dichter, dessen Sehnsucht die Synthese von Osten und Westen, von russischer und antiker Welt war, ist dank Ralph Dutlis formidabler Ausgabe auch im Deutschen zu lesen. Nun hat Dutli die erste umfassende Werkbiografie verfasst, die den Dichter weder im Kleinklein eines Tag-für-Tag-Positivismus zerreibt, noch ihn zum Symbol für die Opfer von Stalins Terror erstarren lässt. Er stellt „Mandelstam. Meine Zeit, mein Tier“ (Ammann) am 8.12. im Literaturhaus (20 Uhr) vor. Zur selben Zeit liest Adolf Muschg im Literaturforum aus seinem Erzählungsband „Gehen kann ich allein und andere Liebesgeschichten“ (Suhrkamp). Gewiss wird Adolf Muschg danach über Liebe und Tod sprechen, dieses andere unzertrennliche Paar der Literatur.

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