Gehirn : Positiv geladen

Ein Führer durch die Welt des menschlichen Gehirns.

Bruno Preisendörfer

Zuerst eine Frage: Wie viel Energie verbraucht ein Gehirn? So viel wie ein Laptop, ein Auto im Leerlauf, eine Kühlschrankbeleuchtung? Das ist einer von 19 Multiple-Choice-Tests auf den Anfangsseiten einer Gemeinschaftsproduktion von Sandra Aamodt, Chefredakteurin von „Nature Neuroscience“, und Samuel Wang, Neurowissenschaftler in Princeton. Das Buch empfiehlt sich im Untertitel als „respektloser Führer durch die Welt unseres Gehirns“ und wird diesem Versprechen auch gerecht.

Die 31 Kapitel sind in sechs Teile gegliedert, von denen der erste dem Verhältnis zwischen Hirn und Welt gewidmet ist und der letzte der Erweiterung dieses Verhältnisses durch Drogen, Schlaf und Spiritualität. In den Teilen dazwischen geht es um den Reifungs- und Alterungsprozess des Gehirns, um seine spezifische Rationalität, um die fünf Sinne und das „emotionale Gehirn“. In diesem Teil wird der oft missverstandene Ausdruck „emotionale Intelligenz“ intelligent vermieden, denn auch bei emotionalen Menschen denkt der Kopf und nicht der Bauch.

Zu all dem kommen grau unterlegte Kästen, die zusätzliche Erläuterungen und Tipps bieten oder Irrtümer korrigieren, zum Beispiel diesen: Je gefalteter die Windungen des Gehirns, desto entfalteter die Intelligenz seines Trägers. Irritierend ist die Auslotung des gesamten Niveaugefälles, zu dem ein populäres Sachbuch fähig ist. So beginnt das elfte Kapitel mit dem kapitalen Satz: „Babys lernen unglaublich schnell.“ In Kapitel drei wiederum heißt es: „Signale werden innerhalb einer Nervenzelle über elektrische Ladung weitergeleitet. Durch die ungleiche Verteilung positiver und negativer Ionen wie Kalium und Chlor hat jedes Neuron auf der einen Seite der Membran, die sie umgibt“ – die es umgibt, müsste es heißen – „eine höhere positive Ladung als auf der anderen.“ Hoffentlich erinnert sich Ihr Gehirn an den Chemieunterricht, sonst verstehen Sie kein Wort.

Ebenfalls irritierend sind die Konzentrationsschwächen sowohl beim Übersetzer als auch beim Lektorat. Das reicht von schiefen Wendungen bis zu stehen gebliebenen Wörtern, die der Korrektur hätten auffallen müssen. Was den flotten Ton angeht: Manchen mag das Dauerwitzeln überanstrengt vorkommen, andere werden sich gern bespaßen lassen: „Sie investieren unablässig in den Nachschub für das Gehirn, dann könnten Sie es ebenso gut auch nutzen.“ Störend wird das Geflachse nur an den Stellen, wo es auf Kosten der Genauigkeit geht. Zuletzt noch die Antwort: Kühlschrankbeleuchtung. Bruno Preisendörfer

Sandra Aamodt, Samuel Wang: Welcome to your brain. Ein respektloser Führer durch die Welt unseres Gehirns. Aus dem Englischen von Norbert Juraschitz. C. H. Beck, München 2008. 297 Seiten, 19,90 €.

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