Kultur : Gehörgang-Charme

Hans von Seggern

Sie scheint es nicht gern zu haben, auf ihre alten Hits hingewiesen zu werden. Und doch: Wer erinnert sich nicht an ihre Mahnung "So schön kann doch kein Mann sein"? Mit diesem augenzwinkernden Refrain, der sich wie ein Korkenzieher in den Gehörgang bohrt. Gitte Haenning - die grande dame des deutschen Schlagers. Die Dänin verdient diesen Ehrentitel um so mehr, als sie ihre Hits seit Jahren Hits sein lässt und ihr Comeback als Jazz-Vokalistin feiert. Ihre Fans haben sie am liebsten als Schlagersängerin, doch - so heißt es streng auf deren Homepage - "man sollte sich dem Charme ihrer Jazz-Konzerte nicht entziehen!"

In der ausverkauften Passionskirche brandet Applaus auf, als Gitte in dunklem Poncho und rotem Schal die Bühne betritt. Ein bisschen erinnert diese Optik an das Sandmännchen des ORB. Und da winkt sie auch schon und lacht kokett, als wollte sie sagen: "Freut euch bloß nicht zu früh." Denn den heutigen Abend wird sie mit einem Mix aus Jazz-Standards und ihren "personal favorites" bestreiten (Blackbird, Your Song, Fifty Ways to Leave Your Lover).

Begleitet von einer sehr professionell swingenden Combo (brillant am Piano: Sebastian Weiß) setzt sich ihr "Ol Man River" langsam, aber nachhaltig in Bewegung wie ein Schaufelrad-Dampfer auf dem Mississippi. Das hat Größe. Und Gitte flirtet mit ihrem Publikum: "Ich möchte Ihnen wirklich raten, möglichst spät zu heiraten. Wenn es denn sein muss. Denn diese Scheidungen sind immer so furchtbar." Es folgt "Marriage Is For The Old Folks". Besser ist da schon, nicht verheiratet zu sein. Schließlich gibt es immer fünfzig Wege, um den Lover zu verlassen. Die frivole Botschaft des Paul-Simon-Hits geht natürlich zu weit für ein Kirchen-Konzert. Wer wird es den Alarmsirenen der Passionskirche da verdenken, dass sie nach Kräften losheulten?

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