Kultur : Gehörnte Geister

Andeutung und Stilisierung: Das japanische Nô-Theater-Ensemble Udaka-Kai in Berlin

Sandra Luzina

Der Rachegeist kommt auf leisen Sohlen – und zeigt sich einsichtig. Sein maßloser Groll und Zorn ist ihm selbst nicht geheuer. Auf weißen Socken schreitet der japanische Nô-Meister Udaka Michishige den schmalen Bühnensteg entlang – in Slow Motion, wie es für das Nô-Theater charakteristisch ist. Bei seinem Gastspiel im Haus des Rundfunks zeigt das Ensemble Udaka-Kai zwei klassische sowie ein modernes Stück aus des Feder des Meister selbst. Im großen RBB-Sendesaal wurde eine traditionelle Nô-Bühne aufgebaut – sonst würden die Geister nicht kommen. Das Nô-Theater ist ja laut Paul Claudel ein „Theater der Erscheinung“. Die Stücke handeln von der Begegnung mit dem Jenseits, mit den Geistern toter Krieger oder eifersüchtiger Hofdamen.

In dem Nô-Spiel „Aoi-no-ue“ (Die Hofdame Aoi) ist es der Rachegeist der Hofdame Rokujô, der besänftigt werden muss. Der Prinz Genji, der mit Aoi-no-ue verheiratet ist, hat sich nach einem flüchtigen Liebesabenteuer mit der Witwe aus dem Staub gemacht. Die verlassene Geliebte entbrennt nun in wilder Eifersucht. Als Aoi-no-ue erkrankt, ist die Diagnose klar: Es ist der böse Geist von Rokujô, der von ihr Besitz ergriffen hat.

Nun stehen beim Nô traditionell nur Männer auf der Bühne. Der Geist der Rokujô, das ist eine Rolle für den „shite“, den Hauptspieler – also für Meister Udaka Michishige selbst. Zierlichen Schrittes läuft er über den Steg auf die kleine Bühne. Am rechten Bühnenrand wartet schon der Chor, das kleine Orchester ist im Hintergrund platziert. Schrille Flötentöne, harte Trommelschläge und die lauten Rufe der Musiker geben dem hypnotischen Geschehen eine rhythmische Struktur. Michishige ist Hauptspieler der Kongô-Schule – hier geht es strikt nach der Überlieferung. Selbst den Japanern mutet das klassische Nô-Spiel heute fremd an, erst recht den westlichen Zuschauern. Dieses Spiel aus Andeutung und extremer Stilisierung erfordert ein hohes Maß an Konzentration.

Der Höhepunkt des Abends ist Udakas Auftritt als Dämon mit gehörnter Hannya-Maske. Die unkontrollierbaren Affekte finden ihren Ausdruck in einem kontrollierten Tanz. Ob der Darsteller die Axt schwingt oder mit dem Fächer wedelt: Jede Geste ist strikt kodifiziert. Und doch gewinnt der Dämon hier ein unheimliches Bühnenleben. Dieses buddhistisch grundierte Bühnenritual vereint Formstrenge und Expressivität. Trotz seiner exotischen Schauwerte: Das Nô-Theater ist im Wesentlichen ein geistiges Exerzitium. Sandra Luzina

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